Sport : Fußball ist Freiheit

Die „Red Bandits“ – ein Fanklub hinter Gittern

Christoph Bertling[Hannover]

Am vierten Sicherheitscheck ergreift Stefan M. die Ungeduld. Seit einer halben Stunde ist der 37-jährige Gefangene unterwegs. Er will zur Mitgliederversammlung der „Red Bandits“, dem einzigen deutschen Fußball-Fanklub hinter Gittern. „Das dauert immer ewig“, entfährt es ihm, während der Beamte das nächste Gitter auf- und wieder abschließt. Doch das Ziel ist noch nicht erreicht. Nur der nächste lange Tunnelgang. Grau, steril und dunkel ist er. Wie alle Gänge im drittgrößten Gefängnis Deutschlands. Erst nach etlichen weiteren Türen kommen Häftling und Beamter an. Schwungvoll stößt Stefan M. die blaue Panzertür einer kleinen Zelle auf. Hier scheinen die allgegenwärtigen Gitterstäbe verschwunden. Denn hier herrscht heute der Fußball.

Heiß geht es an diesem Tag in dem kleinen Raum zu. „Das war einfach ein super Tor“, sagt Andreas F. zu Stefan M. Beide haben wegen Totschlag lebenslänglich bekommen. Doch an ihre Strafe und ihre Tat denken sie in diesem Moment nicht. Jetzt wird nur über Fußball gesprochen. Stefan M. hat 17 Jahre abgesessen, seit einem Jahr gibt es den Fanklub. „Und er ist mir jetzt schon verdammt wichtig“, sagt Stefan M. Bei den Versammlungen erlebt er die wenigen Momente, die ihn Ort und Zeit vergessen lassen. Auf den einmal im Monat stattfindenden Treffen geht es um mehr als nur um Informationen über Hannover 96. „Hier sind wir endlich mal frei“, sagt Stefan M. „Wir können uns über etwas austauschen, was nicht im Knast stattfindet.“ Sondern draußen. Dort, wo sie wieder hin wollen.

Freiheit und Gemeinsamkeit – das sind zwei seltene Güter im Gefängnisalltag. Manche fürchten sich nach Jahrzehnten der Beschränkung sogar vor der Freiheit. „Wenn wir nach Jahren wieder draußen sind, kennen wir die Welt doch nicht mehr.“ Viele wollen deshalb zuerst zu ihrem Bundesligaverein gehen, wenn sich die Gefängnistore für sie geöffnet haben. Den Klub kennen sie, die Atmosphäre im Stadion, die Spieler, die Fankurve. Über den Fußball wollen sie zurück in die Gesellschaft finden. „Nach meiner Entlassung werde ich zuerst ins Niedersachsenstadion gehen“, sagt auch Stefan M. Obwohl er weiß, dass das Stadion heute AWD-Arena heißt, benutzt er noch den alten Namen. Damals, als er vor 17 Jahren hinter Gitter kam, hieß das Stadion noch so. Damals war er Fußballfan. Heute ist er es immer noch. „Der Fußball ist alles, was mir in meinem Leben geblieben ist“, sagt Stefan M. Ihm geht es wie vielen Häftlingen. Fußball ist für sie die einzige Konstante ihn ihrem Leben, das viele als „verkorkst“ beschreiben.

In ihren Zellen hören die „Red Bandits“ die Bundesliga-Schlusskonferenz, tauschen Zeitschriften, spielen Fußball gegen die Beamten oder andere Mannschaften. Ihr Netzwerk funktioniert, sagen die Gefangenen. Wenn sich die „Red Bandits“ treffen, herrscht eine Stimmung wie auf dem Basar. Tauschware sind dabei die neuesten Nachrichten über Hannover 96 und viele kleine Anekdoten. Von Ex-Häftlingen, die wieder im Stadion waren oder in fremden Ländern versuchten, Hannover-Fanklubs aufzubauen. Oder von ihrer Fahne, die bei jedem Heimspiel im Stadion aufgehängt wird. Natürlich nicht von ihnen, sondern vom Gründer der „Red Bandits“.

Ralf Duballa, 37, arbeitet eigentlich in der Küche der Justizvollzugsanstalt. Irgendwann hatte er die Idee, mit den Häftlingen einen Klub zu gründen. Obwohl die Begeisterung bei seinen Kollegen anfangs nicht groß war, setzte Duballa seine Idee bei der Gefängnisleitung durch. Seitdem berichtet er den Häftlingen von den Heimspielen. „Da hört dann jeder zu“, sagt Duballa. Und auch Stefan M. ist dann dort, wohin er seit 17 Jahren will. Im Niedersachsenstadion.

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