Sport : „Fußball ist unpolitisch“

Fußballdirektor Hey über Hoffnung für das neue Libyen, Hilfe vom DFB und das Erreichen des Afrika-Cups

Foto: promo
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Herr Hey, als Technischer Direktor des libyschen Fußballverbandes haben Sie derzeit eine Menge zu tun.

Im Moment geht es hoch her. Am Mittwoch war Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler in Libyen. In der Delegation waren auch Vertreter des Deutschen Fußball-Bundes. Da musste ich Vorbereitungen treffen, denn der libysche Fußballverband will ein Freundschaftsabkommen mit dem DFB abschließen. Eine Absichtserklärung dafür haben wir dann am Mittwoch unterschrieben.

Worum genau geht es bei dem Abkommen?

Ich habe den DFB gebeten, den libyschen Verband in der Aufbauphase zu unterstützen, weil das ein gutes Signal wäre. Ich bin glücklich und dankbar, dass es funktioniert. Die Libyer sind hellauf begeistert, den DFB an ihrer Seite zu wissen.

Wie genau kann der DFB dem libyschen Fußball helfen?

In der Nachwuchsförderung, beim Aufbau einer Frauennationalmannschaft, in der Ausbildung. Es werden sicher Ausbilder nach Libyen reisen oder Trainerausbildungen in Deutschland abgehalten, auch Schiedsrichter- und Managementschulungen. Die Details werden in den kommenden Wochen besprochen.

Sind Sie auch bei dem Treffen in Libyen dabei gewesen?

Nein, im Flugzeug waren nur 20 Plätze, die waren alle von der Delegation belegt. Ich organisiere alles von meinem Büro in Düsseldorf aus. Kommende Woche werde ich wieder nach Bengasi fliegen und dann in drei Wochen nach Frankfurt am Main, wo das Abkommen unterzeichnet werden soll.

In welchem Zustand befindet sich der libysche Fußball derzeit?

Erst einmal ist es ein tolles Zeichen, dass wir uns vor einer Woche für den Afrika-Cup 2012 qualifiziert haben. Das war gut für das Selbstvertrauen im Land und beim Verband. Aber das ist eben nur ein kurzfristiger Erfolg, wir wollen langfristig Strukturen schaffen. Im U-20- und U-17-Bereich zum Beispiel wurde vorher fast gar nichts gemacht.

Lassen die Umstände das zu?

In Tripolis und Bengasi können die Spieler trainieren, aber überall sonst herrschen noch Unruhen. Die Liga pausiert seit über acht Monaten, den Spielern fehlt der Wettbewerb. Die neue Saison kann vielleicht nächstes Jahr im April oder Mai beginnen. Es war unheimlich schwierig, sich auf die entscheidenden Qualifikationsspiele gegen Mosambik und in Sambia vorzubereiten, aber dafür haben wir das hervorragend gemeistert.

Wo liegt das Hauptproblem?

Auf dem Papier steht der Verband finanziell gut da, aber wir haben keinen Zugriff auf ausländische Devisen. Dabei müssen wir Spielerprämien, Trainer, Flüge, Hotels und Trainingslager bezahlen. Es ist ein generelles Problem in Libyen, dass derzeit alles importiert und in ausländischer Währung bezahlt werden muss. Dass auch der Regierungsrat nicht flüssig ist, erschwert natürlich alles. Die Leute sind unzufrieden, weil nichts vorangeht. Sie vergleichen den Ist-Zustand mit der Zeit vor der Revolution. Es ist eine bedrohliche Situation, die Partnerländer müssen schnellstens einschreiten.

Kann die Nationalmannschaft da helfen?

Es gibt eben derzeit nur eine Fußballmannschaft in Libyen. Früher haben die Zuschauer sich mehr für die Derbys der Klubs interessiert als für Länderspiele, da war das Nationalstadion halb leer. Nun freuen sich die Leute, dass wir beim Afrika-Cup dabei sind. Das wissen auch libysche Geschäftsleute, die uns unterstützen, Geld vorgestreckt und teilweise geschenkt haben. Fußball kann sehr hilfreich sein, Gräben, die in der Gesellschaft entstanden sind, wieder zuzuschütten und den Leuten etwas anderes zu geben, über das sie reden können, als Krieg und Gewalt.

Hatten Sie vor einem Jahr keine Bedenken, den Posten in Libyen anzunehmen?

Deutsche Firmen fördern dort seit 30 Jahren Öl. Wer bin ich, dass ich mir anmaße zu sagen: Ich mache den Job nicht, weil Gaddafi regiert? Fußball ist unpolitisch.

Waren auch Fußballspieler an den Kämpfen beteiligt?

Nein, die Fußballprofis haben ihre Aufgabe darin gesehen, dem Land durch den Fußball positive Schlagzeilen zu bescheren und den Leuten einen Grund zu geben, auf das Erreichte stolz zu sein. Die Mannschaft hat zum Ausdruck gebracht, dass sie diese Revolution ehren und beim Afrika-Cup erstmals die neue Fahne und Hymne präsentieren will.

Ist es in der ganzen Euphorie um die Afrika-Cup-Teilnahme im Nachhinein schade, dass Libyen nicht – wie geplant – 2013 Turniergastgeber sein wird, sondern erst 2017?

Es wäre Blödsinn gewesen, den Afrika-Cup schon 2013 auszurichten. Im Moment ruht alles im Land, die Bauarbeiten an den Stadien, der Infrastruktur. Erst einmal muss feststehen, wann Regierungswahlen abgehalten werden, es muss Normalität einkehren. Die Leute wollen Polizei auf den Straßen und finanzielle Sicherheit. Dann können wir 2017 ein wundervolles Turnier ausrichten.

Und die deutsche Nationalelf weiht das Stadion ein?

Ich hatte versucht, die Deutschen zur Eröffnung des neuen Nationalstadions im November 2012 einzuladen. Das hat sich durch die Revolution alles verschoben. Im Moment hoffen wir, dass die deutsche Nationalmannschaft im Frühjahr 2014 vor der WM in Brasilien kommt.

Das Gespräch führte Dominik Bardow.

Antoine Hey, 41, ist seit Juli Technischer Direktor beim libyschen Fußballverband. Der gebürtige Berliner und einstige TeBe-Spieler arbeitete als Trainer für diverse afrikanische Teams.

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