Fußball-Legende : An der Hand Gottes

Ein Film wie im Leben und umgekehrt: Der erste Spielfilm über das Leben des Diego Maradona bekam hymnische Kritiken – und läuft jetzt in Berlin.

Sven Goldmann
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Der junge Diego Maradona wird von Gonzalo Alarcon gespielt, beide stammen aus den Slums der Provinz Buenos Aires. -Foto: promo

Blitze erhellen die Nacht. Es donnert und regnet, aber der kleine Junge muss über den Bretterzaun klettern. Er kann nicht anders, denn es geht nicht um Leben oder Tod, sondern um mehr. Die Kamera folgt dem Jungen auf seiner Hatz durch die Dunkelheit, immer weiter, er sucht irgendetwas und übersieht das Loch im Boden, er stürzt und schreit, aber keiner hört ihn in dieser Nacht.

Der kleine Junge ist Diego Maradona. In ein paar Jahren wird er der beste Fußballspieler der Welt sein, aber jetzt kämpft er in einer Kloake ums Überleben. Der englische Autor Jimmy Burns hat einmal gesagt, Maradonas Lebensgeschichte bestehe darin, „dass er immer wieder in die Scheiße fällt und immer wieder heraus- kommt“. Burns’ unautorisierte Maradona-Biografie heißt „Die Hand Gottes“, zu Spanisch: „La Mano de Dios“. Genauso hat Marco Risi seinen Film genannt, es ist nach ungezählten Dokumentationen der erste Spielfilm über das Leben des berühmtesten Argentiniers seit Che Guevara. In Italien und Spanien hat Risi hymnische Kritiken bekommen, heute eröffnet er im Berliner Kino Babylon das internationale Fußballfilmfestival „11 mm“.

Der Film-Maradona heißt Marco Leonardi, er kommt wie Regisseur Risi aus Italien und ist äußerlich eine perfekte Kopie. Und will man sich den zwölfjährigen Diego vorstellen, dann sieht er aus wie der Zwölfjährige im Film, gespielt von Gonzalo Alarcon, der Regisseur fand ihn in den Slums von Villa Fiorito, wo auch das Original aufwuchs. Soweit ist das Casting perfekt. Doch wer könnte schon Maradonas Fußballkunst doubeln? So etwas endet zwangsläufig in einer Peinlichkeit, Marco Risi erspart sie dem Publikum und zeigt die Originalszenen. Den schlanken, flinken Maradona der frühen Jahre in Buenos Aires und Barcelona. Den pummeligen Gott von Neapel. Das brutale Foul des Basken Goicochea, beinahe hätte es die Karriere Maradonas zerstört. Und natürlich das ergaunerte Tor bei der Weltmeisterschaft 1986 gegen England, schließlich gibt es dem Film seinen Namen.

Dennoch ist „La Mano de Dios“ kein reiner Fußballfilm und erst recht keine Heldenverehrung. Osvaldo Ardiles, 1982 an Maradonas Seite bei der WM in Spanien, sagt in Jimmy Burns’ Buch: „Das Problem an der Wahrheit über Diego ist, dass sie wehtut.“ Marco Risi entsagt sich dem Schmerz nicht. Er zeigt Maradona als koksendes Wrack, als ehebrechenden Lüstling, als Günstling der Camorra. Als einen, dessen Lebensphilosophie bis heute lautet: „Ich muss mich nicht rechtfertigen, ich bin Maradona.“ Die anrührendste Szene des Films zeigt ihn aufgedunsen, zerfressen von Ruhm und Drogen. Diego Maradona liegt im Bett einer Irrenanstalt und erzählt seiner Frau Claudia von dem Zimmernachbarn, der behauptet, er sei Napoleon. „Ich sage den Leuten hier immer wieder: Ich bin Maradona! Aber sie glauben mir nicht.“

Marco Risi erzählt von einer Begegnung mit einem apathischen Maradona, bevor es mit den Dreharbeiten losging. „Der Film hat ihn nicht weiter interessiert“, sagt Risi. „Das größere Problem war Claudia, sie hätte das Projekt am liebsten gestoppt. Sie hat gesagt: Wenn dieser Film je in Argentinien gezeigt wird, dann wandere ich sofort aus.“ Neben Brasilien hat Argentinien als einziges Land Südamerikas noch nicht die Rechte an „La Mano de Dios“ erworben. Wahrscheinlich würde der Film dort als Gotteslästerung interpretiert. Die Argentinier verehren Maradona trotz aller Verfehlungen als Heiligen, in Rosario gibt es eine Iglesia Maradoniana, eine Kirche des Maradona. Marco Risi schwenkt die Kamera über Tausende von Argentiniern, die vor einem Krankenhaus Wache halten und beten, als ihr Idol nach einem Herzinfarkt mit dem Tod kämpft.

Diego Maradona überlebt auch diesen Schicksalsschlag, wie er es ja immer wieder geschafft hat, aus der Scheiße zu kommen. Im übertragenen und eigentlichen Sinne. In der Schlussszene des Films seilt sich der Vater hinab in die Kloake, der kleine Diego hält mit letzter Kraft den Kopf an der Oberfläche. Der Vater ruft: „Diego, gib mir die Hand“, aber Diegos Hände sind nicht frei, sie wühlen suchend im Schlamm, und dann ruft er: „Ich hab ihn!“ Maradona strahlt und streckt seinen wertvollsten Besitz in die Höhe. Was wäre das Leben ohne einen Fußball?

„Maradona – La Mano de Dios” eröffnet heute um 20 Uhr im Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz das Festival „11 mm“ und läuft außerdem am Samstag (23.30) und Sonntag (19.30).

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