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Fußball-Legende stirbt mit 90 Jahren : Hans Schäfer: Der Wegbereiter

Ohne Hans Schäfer hätte es den deutschen WM-Titel 1954 in Bern nicht gegeben. Jetzt ist er im Alter von 90 Jahren gestorben.

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Hans Schäfer ist verstorben.
Hans Schäfer ist verstorben.Foto: dpa

Ein bisschen, ach was: ganz entscheidend hat auch Hans Schäfer mitgeholfen, die Bundesrepublik zu gründen. Vielleicht hätte es ohne ihn das „Wunder von Bern“ nie gegeben. An jenem berühmten 4. Juli 1954 um 18:32 Uhr.

Der Kölner Hans Schäfer stand am Anfang der Kausalkette, die Herbert Zimmermann in seiner legendären Rundfunkreportage verewigt hat: „Schäfer nach innen geflankt. Kopfball, abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt... Toooor! Toooor! Toooor! Toooor!“, 3:2 gegen Ungarn. Ein paar Minuten war Deutschland erstens Fußball-Weltmeister und zweitens wieder wer, neun Jahre nach dem Krieg. Auch der Historiker Joachim Fest, kein Mann nationalistischer Aufwallung, hat diesen Tag als das eigentliche Gründungsdatum der Bundesrepublik bezeichnet.

Am Dienstag ist Hans Schäfer in seiner Heimatstadt Köln gestorben, drei Wochen nach seinem 90. Geburtstag. Von der Mannschaft, die Deutschland vor einem halben Jahrhundert mit dem Wunder von Bern bescherte, lebt jetzt nur noch Horst Eckel. Mit dem Begriff Wunder hat Schäfer übrigens nie viel anfangen können. „Im Sport gibt es keine Wunder. „Es war eine großartige Leistung einer großartigen Mannschaft“ hat er dem Tagesspiegel vor ein paar Jahren erzählt. Aber ohne Individualisten wie den Kapitän Fritz Walter, den zweifachen Torschützen Helmut Rahn, den von Zimmermann zum Teufelskerl und Fußball-Gott geadelten Torhüter Anton „Toni“ Turek und eben Hans Schäfer wäre diese Mannschaft wahrscheinlich als braver Zweiter vom Platz gegangen.

1958 führte Schäfer die deutsche Mannschaft als Kapitän an

Schäfers Flanke zum späten Siegtor war nicht sein einziger entscheidender Beitrag. Es ist vor dem ewig wiederholten „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen“ ein wenig untergegangen, wie das wegweisende Tor zum 2:2-Ausgleich kurz vor der Halbzeitpause zustande kam. Als von der linken Seite Fritz Walters Eckball in den Strafraum segelte und Schäfer im Torraum hochsprang, höher als der ungarische Torhüter Gyula Grosics, rammte Schäfer ihm die Hüfte gegen den Oberkörper und Helmut Rahn musste den Ball nur noch über die Linie drücken. „Ich habe Grosics nicht gerempelt, ich bin einfach hochgesprungen“, hat Schäfer später erzählt. „Das war kein Foul, aber es gibt sicherlich Schiedsrichter, die das abgepfiffen hätten“, und dann hätte es wohl im doppelten Sinne kein Wunder von Bern gegeben.

Helmut Rahn hat den WM-Sieg bekanntlich nicht so gut weggesteckt. Immer wieder ist er in seiner Essener Stammkneipe gefragt worden: „Helmut, erzähl mich das Tor“, und dann hat er erzählt, bei zwei, drei Bierchen, öfter wurden es mehr. Der Held von Bern landete später im Knast und in der Entgiftung. Schäfer verwies ebenso stolz wie selbstverständlich darauf: „Alle, die mich kennen, sagen, dass ich derselbe geblieben bin, der ich immer war.“ Und: „Der WM-Titel war der größte Erfolg meiner Karriere, natürlich macht mich das stolz – aber es ist kein Grund, überheblich zu werden. So wie der Sieg kein Wunder war, so sind wir auch keine Helden.“

Beim Sieg von Bern war Schäfer 26 Jahre alt und doch schon ein elder statesman. Vier Jahre später, bei der missglückten Titelverteidigung, führte er die deutsche Mannschaft als Kapitän an – der kurz vor dem Turnier reaktivierte Fritz Walter fügte sich wie selbstverständlich den Anweisungen des Kölners. Ein Jahr später trat Schäfer zurück, ließ sich für die WM 1962 in Chile noch einmal überreden, bis dann endgültig Schluss war, aber auch nur in der Nationalmannschaft. Mit seinem 1. FC Köln gewann er noch als 36-Jähriger die erste Bundesligameisterschaft. Im Geißbockheim war Schäfer bis ins hohe Alter ein gern gesehener Gast, der den ganzen Saal mit Geschichten aus der guten, alten Zeit unterhielt. Am liebsten hätte er dort seine Zeit verbracht, „bis ich Hundert werde und dann bei einem Glas Kölsch tot an der Theke umfalle“.

Den Rempler im Torraum, mit dem er das 1954 das Finale gegen die Ungarn drehte, hat Hans Schäfer übrigens noch ein zweites Mal bei einer Weltmeisterschaft zur Vorführung gebracht. 1958 im Vorrundenspiel gegen die Tschechoslowakei. Die Deutschen lagen schon 0:2 zurück, als Schäfer den tschechischen Torhüter samt Ball über die Torlinie rempelte und sich dafür als Torschütze feiern ließ. Das Tor zum 2:2-Endstand schoss, na klar, Helmut Rahn.

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