Fußball-Manipulation : Türkei: Ein Skandal mit System

Der Bestechungsskandal im türkischen Fußball weitet sich aus. Jetzt tauchen neue Vorwürfe auf: Wurden auch Spiele der Nationalelf manipuliert?

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Falsche Auswahl? Sogar Spiele der Nationalmannschaft (hier Nuri Sahin gegen Toni Kroos) geraten in Verdacht.
Falsche Auswahl? Sogar Spiele der Nationalmannschaft (hier Nuri Sahin gegen Toni Kroos) geraten in Verdacht.Foto: AFP

Fußballfans in der Türkei haben es derzeit schwer, sich ihren Glauben an das „schöne Spiel“ zu bewahren. Der Fußball präsentiert sich am Bosporus mit einer hässlichen Fratze, die fast täglich noch etwas furchterregender wird. Nachdem ein Bestechungsskandal 30 Funktionäre und Spieler von Spitzenklubs in Untersuchungshaft wandern ließ, tauchte jetzt der Vorwurf auf, auch Spiele der Nationalmannschaft seien durch Zahlungen an Gegner und Schiedsrichter manipuliert worden.

Der türkische Verband TFF zog nach Einsicht in die Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft die Notbremse und verschob den Beginn der Saison 2011/2012 um einen Monat auf den 9. September. „Das heißt, es ist ernst“, kommentierte Mehmet Arslan, Sportchef der Zeitung „Hürriyet“. Die Liga-Verschiebung sei aber auch eine Gelegenheit, „den Saustall auszumisten“, wie ein Fernsehkommentator meinte.

Der Saustall, das ist ein Geflecht aus Beziehungen und Bestechungszahlungen, das durch den Skandal zutage tritt. Im Mittelpunkt steht der Vereinspräsident des Rekordmeisters Fenerbahce Istanbul, Aziz Yildirim. Der 58 Jahre alte Bauunternehmer soll gegnerische Teams geschmiert haben, um Fenerbahce in der letzten Saison den Titel zu sichern. Andere Vereine zahlten auch, um sich Vorteile zu verschaffen. Die ermittelnden Staatsanwälte sollen schockierten TFF-Vertretern berichtet haben, dass sie aufgrund abgehörter Telefongespräche zwischen den Beschuldigten die wichtigsten Ergebnisse der letzten fünf Spieltage der vergangenen Saison vorher kannten.

Yildirim und andere Verdächtige müssen laut einem erst kürzlich reformierten Gesetz mit langen Haftstrafen rechnen. Fenerbahces Präsident und viele Fans des Klubs sind aber der Meinung, der Verein werde zum Sündenbock gemacht, einige reden von einer gezielten Kampagne. Bei einem Spiel griffen erboste Fenerbahce-Fans kürzlich die Pressetribüne im Stadion an, weil sie den Medien die Schuld an der Lage gaben.

Noch während die türkische Fußballnation dabei ist, die Ausmaße des Skandals zu verdauen, tauchen weitere Vorwürfe auf. Ismail Uyanik, ein früherer Präsident des Erstligisten Samsunspor, sagte der Zeitung „Radikal“, nicht nur Ligaspiele, sondern auch Begegnungen der Nationalmannschaft seien mit Hilfe von Bestechungsgeldern manipuliert worden. Spieler gegnerischer Mannschaften sowie Schiedsrichter seien gekauft worden. Konkrete Beispiele nannte er nicht, aber in der gegenwärtigen Situation dürften ihm viele glauben. Welche Auswirkungen dies auf das Nationalteam haben wird, das sich bald neuen EM-Qualifikationsspielen stellen muss, weiß niemand.

Derweil sind einige Beobachter von einer heilsamen Wirkung des Schlamassels überzeugt. „Der Skandal war absolut notwendig, um die Leute aufzuwecken“, sagte ein prominenter türkischer Sportjournalist am Dienstag dieser Zeitung. Einige der Beschuldigten hätten sich „reichlich dumm“ angestellt, indem sie am Telefon über die Bestechungspläne redeten, sagte der Autor, der seinen Namen nicht genannt wissen wollte, weil er Repressalien befürchtet.

Nach Ansicht des ehemaligen Samsunspor-Präsidenten Uyanik sind die aufgedeckten Schmiergeldzahlungen keine Einzelfälle. Jeder andere Klub an Fenerbahces Stelle hätte ebenso gehandelt und versucht, sich mit illegalen Mitteln die Meisterschaft zu sichern, sagte Uyanik: „Das ist das System.“

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