Fußball-Mythos : Die Träne ist rund

Fußballer weinen - und werden dafür gefeiert.

Verena Friederike Hasel

Berlin Dass er es schon wieder nicht getan hat, das ist schon fast ein Affront. Schließlich tun es alle, sogar Otmar Hitzfeld. Der weinte am Samstag bei seinem Abschied als Bayern-Trainer noch vor dem Anpfiff. Für Oliver Kahn war es auch das letzte Spiel, trotzdem: Keine Träne, nirgends. Eine Ausnahmekarriere bescheinigt man dem Torwart, das ist sie auch deshalb, weil die Tränen so beharrlich ausgeblieben sind. Höchstens als Junge habe er auf dem Spielfeld geweint, sagt Kahn. Viele seiner Kollegen haben hingegen perfektioniert, was nur Fußballer können – sich hochweinen.

Paul Gascoigne etwa. Er brach in Tränen aus, als er bei der WM 1990 in Turin im Halbfinale gegen Deutschland die zweite Gelbe Karte bekam. Damit wäre er für das Finale gesperrt gewesen. Seine Mannschaft verlor jedoch schon in diesem Spiel, das Bild des weinenden Gascoigne wählten die Engländer 2004 zum denkwürdigsten Moment ihrer Sportgeschichte. Im Finale derselben WM produzierte Maradona Tränen. Während er in der WM zuvor die Argentinier zum Sieg geführt hatte, kam er 1990 kaum ins Spiel. Der deutsche Spieler Guido Buchwald blockierte ihn. „Du schon wieder“, schrie Maradona ihn wiederholt an, nach der Niederlage weinte er bitterlich.

Ebenso ging es Andreas Brehme, als der 1. FC Kaiserlautern 1996 gegen Leverkusen in die Zweite Bundesliga abstieg. Rudi Völler führte den Trainer vom Platz, sogar später im Fernsehstudio weinte er noch. Rundum deutsche Tränen gab es nach der WM 2006, das zeigte auch Sönke Wortmanns „Deutschland. Ein Sommermärchen“. Bei dessen Vorführung weinte selbst Gerhard Schröder.

Männertränen sind also vielleicht noch nicht salon-, aber auf jeden Fall stadionfähig. Und lukrativ: Das Trikot, mit dem sich Gascoigne die Tränen trocknete, versteigerte das Auktionshaus Christie’s für 35 000 Euro. Und Kahn profitierte zumindest schon indirekt von Tränen. 2001 bekam er den Fair-Play-Preis der Uefa, weil er nach dem Sieg der Bayern über den FC Valencia im Champions-League-Finale dessen weinenden Torwart Santiago Cañizares getröstet hatte.

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