Sport : Fußball nach dem Terror: Stille, bitte

Der deutsche Fußball hat für einen Moment innegehalten und der Opfer der Terroranschläge in den USA gedacht. Nach einer Schweigeminute in allen Stadien aber wurde wie gewohnt um Punkte gespielt und gekämpft - und doch war vieles anders als sonst. "Grundsätzlich ist es wichtig, dass die Bundesliga gespielt hat und wir uns nicht dem Terror beugen", sagte stellvertretend für viele Oliver Kahn. Doch wohl fühlten sich viele der Beteiligten nach eigenem Bekunden nicht auf dem Spielfeld. "Die gedrückte Stimmung förderte das Fußball spielen nicht gerade", sagte der Torhüter des FC Bayern München.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Mit einem Trauerflor liefen die Spieler und Schiedsrichter auf den Platz, versammelten sich vor dem Anstoß um den Mittelkreis und hielten sich an den Händen. Während der Schweigeminute verstummte das Gros der Zuschauer. Von den Anzeigetafeln leuchtete eine Botschaft der Deutschen Fußball Liga (DFL): "Dieses Spiel findet statt, um zu demonstrieren, dass wir Terror verabscheuen." Aus dem Rahmen fielen lediglich die Zuschauer in Hamburg: Erst störte ein Zwischenruf aus dem Fan-Block der Gäste aus Mönchengladbach die Schweigeminute, darauf reagierten die erbosten HSV-Fans dann mit "Scheiß Mönchengladbach"-Rufen. In beiden Blöcken hingen übrigens Transparente mit der Aufschrift: "Stille bitte".

Oliver Kahn empfand die Gesamtsituation als "pervers": Zunächst gedachten die Spieler gemeinsam der Opfer, danach sollten sie wie auf Knopfdruck "die Aggressivität rausholen, die man für ein Fußballspiel braucht" (Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld). Torhüter Jens Lehmann von Borussia Dortmund sprach in diesem Zusammenhang von "Heuchelei. Erst fasst man sich am Händchen, zwei Minuten später tritt man sich die Knochen ein."

"Wir haben uns die Entscheidung zu spielen nicht leicht gemacht", sagte DFL-Chef Werner Hackmann. "Wir wollen damit ein Zeichen setzen, dass wir uns unsere kulturelle und soziale Freiheit nicht nehmen lassen." Über den Tag hinaus hofft Hackmann auf eine Signalwirkung: "Vielleicht bietet dieser Spieltag der Besinnung sogar die Chance, einige unangenehme Entwicklungen in unserem Sport zurückzudrehen."

Im Münchner Olympiastadion hatten Verein und Sponsoren in Kooperation die Werbebanden verhüllt. Stattdessen stand in grüner Schrift auf weißem Grund der John-Lennon-Titel: "Give peace a chance" (Gebt dem Frieden eine Chance); daneben prangten Friedenstauben. "Das wirkte beruhigend und der Situation angemessen", sagte Freiburgs Trainer Volker Finke. In Bremen trugen die Spieler des SV Werder beim Spiel gegen den 1. FC Köln auf der seit Anfang der Saison werbefreien Brust den Schriftzug "Keine Macht dem Terror".

Vor dem Ruhr-Derby zwischen Schalke und Dortmund trafen sich Vertreter beider Vereine zu einer ökumenischen Andacht. Doch auf den Rängen war nach kurzer Zeit des Revier-Duells alles beim alten. "Die Atmosphäre war wie immer", sagte BVB-Spieler Christian Wörns. In anderen Stadien drückten viele Fans ihre Solidarität mit Amerika auf Spruchbändern aus. Einige waren mit der US-Flagge anstelle der Vereinsfahnen gekommen. 3000 Münchner waren besonders konsequent: Sie gaben ihre Eintrittskarten für das Spiel gegen Freiburg zurück.

Die Fans von Hertha BSC kündigten für das Heimspiel am Sonntag gegen den TSV 1860 München (bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht beendet) eine Spendenaktion an. "Wir begrüßen die Hilfsaktion unserer Fans und werden uns finanziell beteiligen", sagte Manager Dieter Hoeneß. In Nürnberg lagen Kondolenzlisten aus, die Anthony Sanneh, der Mittelfeldspieler des Vereins, zum Trainingslager seiner US-Nationalmannschaft Ende des Monats mit nach Boston nehmen soll.

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