Fußball nach Trauerfällen : Wann darf man spielen und wann nicht?

In Zeiten der Tragödie kann Sport der Verarbeitung dienen, als Ablenkung oder als Fanal. Wann sind Trauerspiele angebracht?

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2009 wurde das Stadion in Hannover nach Robert Enkes Suizid zum Ort der öffentlichen Trauer. Foto: dpa
2009 wurde das Stadion in Hannover nach Robert Enkes Suizid zum Ort der öffentlichen Trauer.Foto: dpa

Wieder Hannover. Öffentliche Trauer an einem Ort, der schmerzhafte Erinnerungen damit verbindet, in welche Richtung die öffentliche Rezeption des Unterhaltungsbetriebs Fußballs abdriften kann. Am Dienstagabend treten in Hannover die Abordnungen aus Deutschland und den Niederlanden gegen den Ball, und der Fußball wird zur Nebensache. Kaum einer der Beteiligten auf dem Platz oder der Zuschauer im Stadion wird seine Gedanken von Paris lösen können, vom Terror und seinen Opfern.

Das Spiel dient zur Verarbeitung des Erlebten, aber auch als Fanal an die Attentäter von Paris und deren Hintermänner: Wir lassen uns nicht einschüchtern! Außerdem ist für den Dienstagabend am Maschsee, unmittelbar neben dem Stadion, eine Menschenkette geplant. Die Stimmung weckt Erinnerungen an den November 2009. Schon damals trug Hannover Trauer und hatte dabei die gesamte Nation zu Gast – auch den Teil, der sich im Alltag kaum für Fußball interessiert.

Vor ziemlich genau sechs Jahren, am 10. November 2009, war es der Suizid des Nationaltorhüters Robert Enke, der Deutschland jenseits von FlankeSchussTor zusammenrücken ließ. Hannover kleidete seine Trauer in einen nächtlichen Schweigemarsch. Und anders als diesmal sah sich die Nationalmannschaft nicht in der Lage, zum Tagwerk überzugehen.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) entschied sich schnell dazu, das vier Tage später in Köln angesetzte Spiel gegen Chile abzusagen. Der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger sprach von „einer alternativlosen Entscheidung". Erst acht Tage nach Enkes Tod sah sich die Nationalmannschaft wieder in der Lage, so etwas wie Alltag einkehren zu lassen. Und doch war das folgende Spiel gegen die Elfenbeinküste eines, in dem es weniger um Fußball denn um Ohnmacht und Entsetzen ging. So wie es auch am Dienstag sein wird, ausgerechnet in Hannover, dessen Stadion seit 2011 als Adresse die Robert-Enke-Straße im Briefkopf führt.

Es gibt keine Blaupause für einen Rückzug

Wann steht der Sport in der Verpflichtung, sich endgültig zur Nebensache zu reduzieren? Es gibt kein Muster und keine Blaupause für den zwingend erforderlichen Rückzug aus dem öffentlichen Raum, weil dort kein Platz ist für Vergnügen, Ablenkung, Unbeschwertheit. Der Tod von Robert Enke war so eine Situation, in der die Darsteller der Unterhaltungsbranche zu dem Schluss kamen: Es geht nicht mehr. Wir können nicht mehr.

Vor einer ähnlichen Situation stand zu Beginn dieses Jahres der VfL Wolfsburg nach dem Tod seines Profis Junior Malanda. Der Belgier war auf der Anreise zum Trainingslager bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Die Mannschaft verarbeitete den Verlust auf ihre Weise und entschloss sich dazu, das erste Spiel nach Malandas Tod zu einer selten erlebten Trauerparty umzugestalten. Passend dazu entrollten die Fans ein riesiges Banner mit dem Konterfei des Belgiers und schwenkten grün-weiß-goldenes Lametta. Es war ein Zwischending aus Trauer- und Schweigeminute, aus gespenstischer Stille und trotzigem Bekunden zum Weitermachen. Am Ende stand ein Abend, den niemand so schnell vergessen wird – auch, was den sportlichen Teil betrifft. Die fröhlich trauernden Wolfsburger schickten den FC Bayern mit 4:1 zurück nach München.

So weit war der FC Schalke 04 nicht, als er vor 15 Jahren mit einer bis dahin unbekannten emotionalen Erschütterung konfrontiert wurde. An jenem 11. September 2001, einem Dienstag, als vormittags zwei von Al-Qaida-Terroristen gekaperte Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers von New York flogen. Am Abend sollte Schalke in der Champions League debütieren. Vergeblich appellierte der Klub an die Uefa, das Spiel abzusagen. Der europäische Dachverband blieb hart und ordnete die protokollgerechte Durchführung des Spiels gegen Panathinaikos Athen an. So richtig versteht das bis heute niemand.

Wie sollen die Spieler ihre Emotionen ausblenden?

Huub Stevens weiß noch, wie er im Mannschaftshotel auf seine Spieler einredete. „Macht die Dinger aus!“, rief Schalkes Trainer. „Macht sofort die Dinger aus!“ Doch es war schon zu spät. Die Fernseher blieben an. Huub Stevens hatte die Macht über seine Mannschaft verloren. Er redete auf die Spieler ein, erinnerte sie an die verabredete Taktik, appellierte an ihre Disziplin. „Ich wollte die Bilder wegkriegen aus den Köpfen der Spieler“, sagt Stevens. „Aber das ging natürlich nicht.“

Warum musste an diesem Abend Fußball gespielt werden? Anders als vor dem Spiel der Nationalmannschaft am Dienstag gegen die Niederlande fehlten den Schalkern am 11. September 2001 Gelegenheit zur Reflexion, zum Begreifen des schwer Begreiflichen. Wäre Paris am Vormittag des 13. November 2015 von einem Terrorangriff heimgesucht worden, hätte es am selben Abend ganz gewiss kein Fußballspiel gegeben.

Am 11. September 2001 diskutieren die Uefa-Funktionäre stundenlang, wie sie mit den acht für den Abend angesetzten Begegnungen der Champions League umgehen sollten. Am Ende stand die damals wie heute schwer nachzuvollziehende Erklärung: „Die Spiele am Abend sollen wie geplant ausgetragen werden, aber wir werden fortfahren, die Entwicklung zu beobachten.“ Begründet wurde das mit dem seltsam anmutenden Begriff der Neutralität des Sports.

Impliziert diese Neutralität die Verpflichtung der Spieler dazu, alle Emotionen auszublenden und als kickende Roboter auf den Platz zu treten?

Einen Tag später kapitulierte die Uefa vor ihrer eigenen Logik. Die für den Mittwoch geplanten Spiele wurden abgesagt. Aber da war es für Huub Stevens und den FC Schalke 04 schon zu spät. Am Ende stand eine 0:2-Niederlage, doch die interessierte Fans wie Spieler nicht mal am Rande. Das Spiel stand im Zeichen des Traumas, auf den gespenstisch stillen Tribünen, aber auch unten auf dem Rasen.

Vergeblich versuchten die Spieler, auf dem Rasen ihrer Rolle im Unterhaltungs- und Ablenkungsbetrieb Fußball gerecht zu werden. Der Schalker Spielmacher Andreas Möller etwa stand völlig neben sich, kein einziger seiner Pässe fand einen Mitspieler. Über Möllers sensiblen Charakter hat man sich oft lustig gemacht. Nicht so an diesem Abend. „Mir wurde bewusst, was heutzutage möglich ist“, sprach Möller später in die Mikrofone der Reporter. „Wir bewegen uns zwischen Glassplittern. Es kann alles passieren, auch das Unvorstellbare.“ Am 11. September 2001 in New York wie am 13. November 2015 in Paris.

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