Sport : Fußball-Nachschlagewerke: Der Fan als Enzyklopädist

Stefan Hermanns

Seltsamerweise gelten Fußballfans hierzulande immer noch als ein bisschen blöde. Na gut, es gibt Leute, die etwas für Bayern München, Borussia Dortmund oder den 1. FC Köln empfinden. Das ist in der Tat nur schwer zu verstehen. Aber pauschalisieren kann man das natürlich nicht. Fans sind nicht doof; im Gegenteil: Fans sind umfassend gebildet. Wer außer uns weiß denn schon, wo Kaiserslautern liegt? Oder Meppen? Fans sind zudem hochintelligent und erfassen komplizierte Zusammenhänge (ballorientierte Raumdeckung) schon auf den ersten Blick.

Wir Fans von Borussia Mönchengladbach zum Beispiel erkennen ohne langes Nachdenken, was sich hinter der Zahlenfolge 13-8-3-3-1-1 verbirgt. Für Nichtwisser: Das sind die Bundesligaplatzierungen nach unserem ersten Aufstieg 1965. 419/33 deuten wir umgehend als Chiffre für Berti Vogts: 419 Bundesligaspiele, 33 Tore. Die Mannschaftsaufstellung vom DFB-Pokalfinale 1973 (Stichwort Netzers Selbsteinwechslung) rattern wir auch nach dem achten Bier noch fehlerfrei herunter. Oder: gerade nach dem achten Bier.

Es ist doch häufig so, dass beim geselligen Beisammensein in einer Kneipe und unter dem Einfluss alkoholischer Getränke der Drang in uns erwächst, unser angeblich sinnfreies Fußballwissen Gewinn bringend einzusetzen. Dann schwirren knifflige Fragen durch die verräucherte Luft: Wer hat? Wo spielte? Wie hieß? Warum war? Wir geben zu, dass die Fragen irgendwann anfangen, sich stetig zu wiederholen. Sehr beliebt ist etwa: Wie hieß der linke Verteidiger im Pokalfinale 1973? Beliebt deshalb, weil unter all den Netzers, Vogtses und Wimmers kaum jemand die richtige Antwort Heinz Michallik kennt. Zumindest so lange nicht, bis wir die Frage zum siebten Mal gestellt haben.

Das Problem ist eben, dass auch unser Wissen endlich ist. Doch jetzt naht Hilfe. Holger Jenrich, professioneller Journalist und leidenschaftlicher Borussenfan, hat das enzyklopädische Wissen über den besten Verein der Welt als Buch auf den Markt gebracht. Das Borussia-Mönchengladbach-Lexikon klärt alle Aspekte von A wie Abstieg bis Z wie Zwilling und liefert uns damit jede Menge Stoff für neue Fragen: Wie oft sah Berti Vogts in seiner Karriere die Rote Karte? (-> Blutgrätsche) Welcher Borussenspieler wurde als erster bei einem Bundesligaspiel eingewechselt? (-> Einwechslungen) Wie viele Eigentore erzielte Michael Klinkert? (-> Eigentor) Wer sagte: "In mir wächst eine Persönlichkeit heran"? (-> Persönlichkeit)

Für echte Experten stellen derartige Aufgaben natürlich keine echten Probleme dar. Aber dankenswerterweise hat Jenrich auch an Fortgeschrittene wie uns gedacht. Wir lesen solche Bücher ohnehin nur selten wegen des Erkenntnisgewinns; uns geht es allein darum, möglichst viele sachliche Fehler zu entdecken und uns dadurch unseres umfassenden Wissens zu vergewissern. Auch diese Klientel hat Jenrich ausführlichst bedient.

Es sind jetzt nicht solche unfreiwillig und unpassend komische Formulierungen gemeint wie jene, dass Heinz Ditgens, der erste Nationalspieler des Vereins, im Krieg "seiner Zehen verlustig gegangen" ist. Oder darum, dass Jenrich Afrika als fünften Kontinent bezeichnet. Nein, es geht um die richtigen Klöpse. Allerdings scheint das mit Afrika auf eine allgemeine Geographie-Schwäche des Autors hinzuweisen: Den Thüringer und gebürtigen Sudetendeutschen Hans Meyer macht er zum Sachsen (vielleicht, weil für einen Westdeutschen alle früheren DDR-Bürger Sachsen sind), und Christian Hochstätter aus Augsburg in Schwaben wird von Jenrich zum gebürtigen Franken ernannt.

Davon abgesehen haben wir noch elf weitere Fehler entdeckt: von einem fehlenden -> WM-Teilnehmer bis hin zum falschen Verwandtschaftsverhältnis zwischen Albert Brülls und Klaus Winkler (-> Namensvettern). Eigentlich sind solche Schnitzer in enzyklopädischen Nachschlagewerken unverzeihlich. In diesem Fall aber war die Fehlersuche ausnahmsweise mal ein echtes Vergnügen.

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