Sport : Fußball-Nationalelf: Auch ein Messias hat seine Grenzen

Hartmut Scherzer

Auch als Verlierer hat Rudi Völler gewonnen. Seit Franz Beckenbauer ("Wir haben ein Fußballspiel verloren und keinen Krieg") ist kein Bundestrainer so souverän und sympathisch mit Niederlagen umgegangen wie der Teamchef mit seiner ersten. Kein gestelztes Drumherum- und Schönreden, keine Ausreden nach dem 1:2 gegen Dänemark in Kopenhagen: Rudi Völler, als Sieger gegen Spanien, Griechenland und England gefeiert und zur neuen Kultfigur des deutschen Fußballs erhoben, stellte wie selbstverständlich sich als Verlierer gegen Dänemark hin. "Ich habe es nicht geschafft in den letzten Tagen, die Mannschaft mit dem gleichen mentalen Druck auf den Platz zu schicken wie in den vorangegangenen drei Spielen, nämlich mit der Einstellung, dass es um sehr viel geht."

Vielleicht hat seine lockere Ansprache und seine frische Ausstrahlung, seine umgängliche Art, die Dinge unkompliziert zu vermitteln, unter dem stressigen Leverkusener Intermezzo gelitten und somit von der Euphorie von Wembley zur Ernüchterung von Kopenhagen geführt. Wie die Spieler - erstmals in der Geschichte der Nationalmannschaft - war auch der Teamchef zwischen den beiden Länderspielen Gejagter und Gehetzter der Terminfülle im Verein. Völler, wegen seiner Fähigkeit gerühmt, die Spieler starkzureden, war es diesmal auch mit Engelszungen nicht gelungen, bis in die Hinterköpfe der Spieler vorzudringen. Denn dort steckte, wie Oliver Kahn zugab, die genau gegenteilige Denkweise: "dass es quasi um nichts geht". Nur 17 000 dänische Zuschauer bei einem Länderspiel gegen den dreimaligen Welt- und Europameister wirkten wie eine Bestätigung für die Bedeutungslosigkeit. Nur die dänische Mannschaft war durch den prominenten Gegner besonders motiviert nach einer ebenfalls blamablen EM und einem Neuanfang unter einer Fußball-Ikone. Für die Deutschen hingegen waren die Dänen keine besondere Herausforderung. "Es ist eine psychische Sache", sagt Oliver Bierhoff, "in so einem Freundschaftsspiel nicht das Letzte aus sich herauszukitzeln." Nur so sei zu erklären, warum sie "zu phlegmatisch und zu wenig aggressiv" gespielt hätten. Dennoch meinte Torhüter Oliver Kahn: "So verkaufen wie in den ersten siebzig Minuten dürfen wir uns nicht."

Erst nach dem 0:2 durch den pfeilschnellen Dennis Rommedahl nach gravierenden Stellungsfehlern Thomas Linkes, als die Angst hochkam, ein EM-ähnliches Debakel zu erleben, ging es für Mannschaft plötzlich um etwas: Um die Ehre. "Erst in den letzten zwanzig Minuten", sagte Völler, "ist die Mannschaft mit der Einstellung und dem Engagement der letzten drei Länderspiele zur Sache gegangen. Leider zu spät." Doch wäre ein durchaus noch mögliches Unentschieden nach dem Anschlusstreffer durch Mehmets Scholls Freistoß "nicht einmal ideal" gewesen, räumte Völler ein. "Wir hätten uns dann etwas vorgelogen."

Nur Handauflegen des "Messias aus dem Nichts", wie Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld die neuen Kollegen bewundernd nannte, reicht eben nicht. Kämpfen und rennen müssen sie schon. "Was die Laufbereitschaft anbetraf", stellte Völler fest, "konnten wir den Dänen nicht Paroli bieten."

Es bleibt Hypothese, ob die Mannschaft mit Ballack, Deisler und Rehmer anders aufgetrumpft hätte. Fakt ist, dass Völlers erster Debütant Ingo Hertzsch und die Notlösung Jörg Heinrich auf der rechten Seite Orientierunglosigkeit dort verbreiteten, wo zuletzt die Sicherheit Rehmers und die Forschheit Deislers dominiert hatten. Dietmar Hamanns Abfall von der Weltklasse in Wembley zum Mitläufer in Kopenhagen mag mit dem Fehlen des strategischen Partners Michael Ballak zu tun gehabt haben. Doch Völler wollte nicht zugeben, dass er die, die fehlten, auch vermisst habe. "Das wäre ungerecht gegenüber denen, die spielten."

Der nächste Termin am 27.Februar 2001 bietet auch nur ein Freundschaftsspiel. Doch Einstellung und Engagement braucht Rudi Völler dafür nicht besonders einzufordern. Welt- und Europameister Frankreich in Paris-St.Denis ist ein Highlight für jeden.

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