Fußball-Nationalmannschaft : Andreas Hinkel: Reise in die Vergangenheit

Aus dem in Schottland spielenden Ex-Nationalspieler Andreas Hinkel könnte morgen ein Ex-Ex-Nationalspieler werden.

Stefan Hermanns[Oberhaching]
Pressekonferenz deutsche Fussball-Nationalmannschaft
Zurück beim DFB. Andreas Hinkel am Donnerstag.Foto: ddp

Fußballer sind recht erfinderisch, wenn sie erklären, warum sie zu einem Verein im Ausland wechseln. Die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit spielt eine Rolle, eine neue Sprache/Kultur, ganz selten auch die bessere Bezahlung. Etwas unterschätzt wird der Aspekt, dass man in der Fremde nicht alle Nachrichten aus der Heimat mitbekommt. Andreas Hinkel zum Beispiel ist dadurch die vermutlich größte Demütigung seiner Karriere erspart geblieben. Vor anderthalb Jahren war das, bei einer Pressekonferenz der Nationalmannschaft. Hans-Dieter Flick, der Assistent von Bundestrainer Joachim Löw, wurde nach Hinkels Perspektiven in der Nationalelf gefragt. „Wir alle wissen, was der Stefan kann“, antwortete Flick, woraufhin sich Pressesprecher Harald Stenger einschaltete, der dafür bekannt ist, dass er sämtliche deutschen Sportjournalisten mit Tauf-, Ruf- und Spitznamen kennt. Stenger korrigierte den Fehler umgehend: „Gemeint war natürlich nicht Stefan, sondern Alexander.“

Anfang dieser Woche meldete sich Flick bei Alexander Hinkel, der in Wirklichkeit Andreas heißt, ob er ihn am Telefon mit richtigem Namen angesprochen hat, ist nicht überliefert. Vermutlich ist es Hinkel in diesem Fall ziemlich egal gewesen: Flick konnte dem 26-Jährigen eine gute Nachricht überbringen. Nach exakt drei Jahren wurde Hinkel wieder in Ehren in den Kreis der Nationalmannschaft aufgenommen. Am 3. September 2005, beim 0:2 gegen die Slowakei, hat er sein 17. und bisher letztes Länderspiel bestritten. „Alle waren überrascht. Ich war auch überrascht. Aber eine schöne Überraschung war’s“, sagt Hinkel. Zum Bundestrainer habe es schließlich zuletzt wenig Kontakt gegeben, „wenn ich ehrlich bin: gar keinen“.

Ach ja, Andreas Hinkel, früher VfB Stuttgart, Außenverteidiger mit Offensivdrang, junger Wilder wie Hildebrand, Lahm, Kuranyi und Hleb. Wo spielt der jetzt noch mal? Im Winter war Hinkel mal bei Borussia Dortmund im Gespräch, dann aber ist er vom FC Sevilla zu Celtic Glasgow gewechselt. Seit dem Sommer 2006 spielt er im Ausland. Damals, nach der Nicht-Nominierung für die Weltmeisterschaft, wollte er etwas Anderes ausprobieren, einen Neustart wagen, sich unter erschwerten Bedingungen beweisen. Hinkel hatte das Gefühl raus zu müssen, um wieder in den Mittelpunkt rücken zu können.

Es ist ihm nur bedingt gelungen. „In gewissen Phasen ist er nicht weitergekommen“, sagt Bundestrainer Löw. In Sevilla spielte er in einer Mannschaft, „die sportlich eins a war“, die den Uefa-Cup gewann und den schönen Fußball konnte. Der Nachteil war, dass Hinkel wenig dazu beitragen durfte. In anderthalb Jahren kam er auf gerade 15 Erstligaeinsätze für Sevilla.

Seit dem Wechsel im Winter hat Hinkel bei Celtic Glasgow erst eine Halbzeit verpasst

In Glasgow läuft es besser, vom Wetter abgesehen, das Hinkel „ziemlich depressiv“ findet. Sportlich aber gibt es für ihn keinen Grund zu Depressionen mehr. Seit dem Wechsel im Winter hat Hinkel bei Celtic erst eine Halbzeit verpasst, er spielt in der Champions League, vor allem aber setzt sein Trainer Gordon Strachan auf ihn. Trotzdem: Auf Hinkel muss man erst einmal kommen. „Bei unseren Trainern überrascht mich gar nichts“, sagt Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft. Nicht einmal, dass zwei Mittelfeldspieler (Ballack und Frings) ausfallen – und dafür ein rechter Außenverteidiger nachnominiert wird. Für diese Position fehlt in den WM-Qualifikationsspielen in Liechtenstein (morgen, 20.45 Uhr, live in der ARD) und am Mittwoch in Finnland zwar Arne Friedrich, akute Not besteht trotzdem nicht. Clemens Fritz kann den Part übernehmen, Philipp Lahm natürlich, und auch die beiden Innenverteidiger Serdar Tasci und Heiko Westermann sind in ihren Vereinen schon rechts zum Einsatz gekommen. Hinkels Jobaussichten? Löw lobte sein „unglaubliches Offensivpotenzial“. Auch vor der EM hätten sie immer mal über ihn gesprochen, „und jetzt wollen wir ihm einfach die Chance geben sich zu zeigen“.

Für Andreas Hinkel ist das jetzt „irgendwie eine Reise in die Vergangenheit“, eine mit Perspektive. Vielleicht wird aus dem Ex-Nationalspieler doch noch ein Ex-Ex-Nationalspieler. „Vollgas geben, Spaß haben“ will er in den Tagen bei der Nationalmannschaft. „Ich denke, dass ich nichts zu verlieren habe.“ Nicht mal seinen Namen.

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