Sport : Fußball-Nationalmannschaft: Aufbruch ohne Angst

Stefan Hermanns

Vassilis Daniil wird in seiner Heimat "Der Deutsche" genannt. Das liegt daran, dass der Trainer der griechischen Fußball-Nationalmannschaft den Fußball deutscher Art mag. Die Griechen mögen unter ihrem Trainer zwar ein bisschen deutscher, also disziplinierter auftreten als früher, zur perfekten Imitation fehlt ihnen jedoch ein entscheidender Punkt: die Fähigkeit, auch dann zu gewinnen, wenn nichts dafür spricht. Den Deutschen selbst schien diese Fertigkeit zuletzt ein wenig abhanden gekommen zu sein. Das 2:1 über Albanien und das 4:2 in Griechenland haben derartige Befürchtungen erst einmal widerlegt. Beide Mal gewann die Mannschaft durch späte Tore, beide Male war Miroslav Klose der Schütze des entscheidenden Treffers, beide Male war er zuvor eingewechselt worden. Teamchef Rudi Völler sagte, dass seine Mannschaft absolut an das Ergebnis, an die eigene Stärke geglaubt habe. Das war zuletzt nicht immer der Fall.

Der sonst so gelassene Völler gab jetzt zu, dass dies für ihn die erste Drucksituation seiner Amtszeit gewesen sei. Die Kritik nach dem dürftigen Auftritt gegen Albanien hat ihm wohl noch einmal klar gemacht, dass der Zauber seiner Person auf Dauer nicht über die strukturellen Schwächen der Nationalmannschaft hinwegtäuschen kann. Völler tat also, was er tun konnte: Er veränderte die Strukturen. Gegen Albanien übertrug er in der Pause Sebastian Deisler die Verantwortung im Mittelfeld - eine Entscheidung, die deutlich in die Zukunft weist.

Gegen Griechenland teilten sich Deisler und Michael Ballack die Hoheit im Mittelfeld. Das funktionierte auf Anhieb, wobei Deisler den auffälligeren Part spielte. "Überragend" nannte Völler seinen Auftritt. Deisler selbst fand, dass er "ganz gut" gespielt habe. Eine bescheidene Selbsteinschätzung, was schon die Tatsache zeigt, dass die neue Nummer 10 des deutschen Teams anschließend gefragt wurde, ob dies sein bestes Länderspiel gewesen sei. "Da kann man sich drüber streiten", antwortete Deisler.

Wäre die Szene in der 60. Minute nicht gewesen, hätte es in dieser Hinsicht wohl keine Meinungsverschiedenheiten gegeben. Doch an der Mittellinie rutschte Deisler Giorgos Karagounis in die Beine, sah dafür beim Stand von 2:2 seine zweite Gelbe Karte in diesem Spiel und flog zum dritten Mal in dieser Saison vom Platz. "Eine Dummheit von mir", sagte Deisler selbst. Anderseits ein Zeichen für sein Selbstbewusstsein nach zehn Tagen mit der Nationalelf, in denen ihm Völler seine Lieblingsposition anvertraut hatte. Bei der Aktion gegen Karagounis war der Ball für Deisler unerreichbar. Weil ihm bis dahin jedoch einiges gelungen war, was sonst nicht gelingt, mag der 21-Jährige die Situation anders gedeutet haben. Von Selbstbewusstsein zu Selbstüberschätzung ist es manchmal nur einmal kurz um die Ecke.

Bei Deisler besteht allerdings keine große Gefahr, dass er überheblich wird. "Man sollte nicht wieder übertreiben und schreiben: Ich bin der neue Chef", forderte er. "Das bin ich nicht." Aber er könnte es bald werden. Im Kreis der Kollegen und Vorgesetzten jedenfalls genießt Deisler schon jetzt hohes Ansehen. Den Platzverweis "verzeihen wir ihm natürlich", sagte Rudi Völler. Und Christian Wörns wertete Deislers überaggressiven Versuch, an den Ball zu kommen, als Zeichen, "dass er unbedingt will. So ein Spieler ist mir lieber als einer, der sich verpisst."

Genau das war zuletzt das Problem der deutschen Mannschaft. Die eigene Angst schien stärker zu sein als die Spieler des Gegners. Gegen die Griechen aber hatte Wörns sein Team "insgesamt viel aggressiver" erlebt als zuletzt gegen Albanien. Warum - das ist auch für einen erfahrenen Fußballer wie Rudi Völler immer wieder "schwer zu sagen". Vielleicht weil die Griechen im Moment der schwächste Gegner in der WM-Qualifikationsgruppe 9 sind. Sogar in Albanien haben sie verloren.

Solche Gedanken verbieten sich aus Sicht der Deutschen natürlich. Nur zu gerne glauben sie, nun endgültig ihr Selbstvertrauen wiedergefunden zu haben. Die nackten Zahlen stützen ihr subjektives Glücksempfinden: Gegen Griechenland gelang der Nationalelf im vierten Qualifikationsspiel der vierte Sieg. Möglicherweise lag es an den besonderen Umständen: Zum ersten Mal in seiner Amtszeit konnte Rudi Völler zehn Tage am Stück mit den Spielern arbeiten. Und obwohl bisweilen auch in noblen Hotelanlagen "alles sehr stupide" ist, wie Völler sagte, fand er es "schön mit anzusehen", wie die Spieler sich "auch außerhalb der Trainingseinheiten gegeben haben. Das war toll."

Es ist der Mythos von der Geburt einer neuen Mannschaft, der mit solchen Aussagen befördert werden soll. So viel Aufbruch jedenfalls war lange nicht. Da passt es ins Bild, dass Rudi Völler am selben Abend seinen Vertrag unterschrieben hat, der ihn bis 2002 an den Deutschen Fußball-Bund bindet. Das sei zwar nur eine Formalie gewesen, sagte Pressesprecher Wolfgang Niersbach. In Wirklichkeit aber soll es mehr sein: Der Beginn einer wunderbaren Zukunft.

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