Sport : Fußball-Nationalmannschaft: Dem Kapitän fehlt nur ein Tor

Hartmut Scherzer

Sie schüttelten sich zur Begrüßung herzlich die Hand. Oliver Bierhoff klopfte Rudi Völler geradezu kumpelhaft auf die Schulter. Vor laufenden Kameras, klickenden Fotoapparaten und kritzelnden Kugelschreibern demonstrierten Torjäger und Teamchef ein ungetrübtes Verhältnis. Um "Risse" und "Misstrauen" nicht zum Dauerthema des zehntägigen Zusammenseins der deutschen Fußball-Nationalmannschaft vor den beiden Weltmeisterschafts-Qualifikationsspielen am Sonnabend gegen Albanien und am 28. März gegen Griechenland werden zu lassen, hatte Pressechef Wolfgang Niersbach schon gleich für die Auftakt-Pressekonferenz im Waldhotel Grunge in Siegburg-Kaldauen ein "face to face" arrangiert.

Bierhoff, kaum eingetroffen, setzte sich zu Völler an den Podiumstisch. Reaktion und Klarstellung zum "Kicker"-Interview des Kapitäns waren gefragt. So hatte Bierhoff angemerkt, Rudi Völler stehe nicht so hinter seinem Kapitän, wie es Berti Vogts mit Jürgen Klinsmann getan habe. Weil aber in der Überschrift der Hinweis auf den einstigen Bundestrainer und dessen Liebling fehlte, fand es Bierhoff "traurig, wie die Dinge verdreht wurden" und der Eindruck entstanden sei, er wolle "Streit reinbringen".

Rudi Völler ist viel zu sehr lockerer Typ und alter Profi, um Oliver Bierhoff die Aussagen krumm zu nehmen, kennt er doch aus eigener Erfahrung die Ungeduld und "das Los eines Stürmers, wenn ihm nichts weiter fehlt als ein Erfolgserlebnis". Ein Tor eben. Und keiner "wäre glücklicher" als der Teamchef, wenn beim Torjäger "am liebsten schon am Samstag" beim Spiel in Leverkusen gegen Albanien "der Knoten platzen" würde. Das war gewissermaßen die Zusage, dass Bierhoff auch von Anfang an spielen wird, zumal Carsten Janckers Einsatz wegen einer Bauchmuskelzerrung noch gefährdet ist und der verletzte Alexander Zickler aus dem Aufgebot gestrichen wurde.

Die Sache mit dem Kapitän wird Völler ohnehin "zu hoch gekocht". Nicht auf die Kapitänsbinde, auf die Leistung kommt es ihm an. Völler, der übrigens das erste seiner 47 Tore für Deutschland 1983 in Tirana gegen Albanien schoss, weiß natürlich aus eigenem Erleben, wie sehr die Treffsicherheit eines Mittelstürmers auch vom Vertrauen des Teamchefs abhängt. 1988, vor der Europameisterschaft im eigenen Land, hatte er eine ähnliche Durststrecke durchzustehen. Völler erinnert sich: "Das war die einzige Phase in der Nationalmannschaft, in der ich als Spieler ein bisschen umstritten war. Ich war seit einem Jahr bei AS Rom, war verletzt, hatte Probleme, hatte nicht getroffen und auch in der Nationalmannschaft keine so guten Spiele abgeliefert. Aber ich hatte das Glück, das der Olli jetzt auch gerne hätte: Franz Beckenbauer hat an mir festgehalten und mich immer wieder aufgestellt. Ich habe ihm das Vertrauen zurückgezahlt."

Bierhoff, darauf legt Völler Wert, "steht bei mir doch nicht auf dem Abstellgleis". Im Gegenteil. Natürlich seien die Probleme in Mailand für ihn bitter. Und die Spielweise im letzten Länderspiel in Paris gegen Frankreich sei ihm nicht entgegengekommen. "Was ihm fehlt, ist ein Tor." Völler betonte, er habe "Oliver immer wieder zu verstehen gegeben, dass er für mich sehr wichtig ist bis 2002, nicht nur als Kapitän, sondern vor allem als Mittelstürmer und Torjäger." Das war, immerhin, eine klare Aussage.

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