Fußball-Nationalmannschaft : Germany’s next Topspieler

Wie nimmt ein Profi Ratschläge auf? Wie präsentiert er sich in der Gruppe? Die EM-Fahrer müssen mehr können als Fußball spielen - und Bundestrainer Joachim Löw hat bereits einen neuen Liebling.

Michael Rosentritt

Palma de MallorcaFangen wir mit einem an, der gar nicht da ist. Marcus Marin also. Wenn man dem Bundestrainer Joachim Löw dieser Tage zuhört, möchte man meinen, dieser Marcus Marin wird den deutschen Fußball weit über die Europameisterschaft hinaus in eine glorreiche Zukunft führen. Marcus Marin verkörpert Löw zufolge einen Typ Fußballer, von denen es in Deutschland nur wenige gibt. „Er hat was“, hatte Löw vor wenigen Tagen oben auf der Zugspitze gesagt. Mittlerweile bringt sich die deutsche Fußballnationalmannschaft unter der Sonne Mallorcas in Schwung, aber bisher hat es offenbar noch niemand gewagt, Löw zu widersprechen. Marcus Marin wird den deutschen Fußball nicht mehr aus den Angeln hebeln. Der richtige Marcus Marin pendelte zwischen Erster und Zweiter Liga, ist 41 Jahre alt und hat seine Karriere inzwischen beendet.

Es ist fast schon rührend, mit welcher Hartnäckigkeit den Bundestrainer sein Namensgedächtnis im Stich lässt. Als Löw seinen EM-Kader benannte, war ihm der Lapsus unterlaufen, seinen Coup nicht beim richtigen Namen zu benennen. Löw sprach von Marcus Marin, den er überraschend aufbot. Gemeint war der junge offensive Mittelfeldspieler vom Bundesligaaufsteiger Borussia Mönchengladbach. Der heißt in Wirklichkeit Marko Marin. Wenn der Bundestrainer über den schmalen Burschen mit den geschickten Beinen spricht, klingt in seinen Worten eine seltene Begeisterung mit. Und mittlerweile bedient sich Jochim Löw eines Tricks. Marko Marin heißt jetzt „der Kleine“. Der Kleine selbst hat andere Sorgen. „Ich will zeigen, dass ich es auch bei der Nationalmannschaft kann“, sagt Marin keck.

Marko Marin darf sich ziemlich sicher sein, dass er nicht dem Kader-Casting zum Opfer fällt. Zwar hat der 19-Jährige kein einziges Länderspiel bestritten, aber er wird nicht zu den drei Spielern gehören, die Löw aus dem vorläufigen EM-Kader streicht. „Der Kleine ist wahnsinnig positiv. Ich habe das Gefühl, dass er sich sehr freut auf die EM, und hoffe, dass er genauso frech spielt wie in Gladbach“, sagt Löw.

Dass der Bundestrainer noch drei Spieler aussortieren muss, gilt als klares Bekenntnis zum Konkurrenzkampf. Die Botschaft lautet: Reibung erwünscht. Der Kreis derer, die sich besonders beobachtet fühlen dürfen, ist abgesteckt. Da Löw für Tor und Abwehr genau jene Anzahl von Spielern nominiert hat, mit der er ins Turnier gehen möchte, wird es Spieler aus Mittelfeld und Sturm treffen. Im Sturm geht es um Neuville oder Helmes, im Mittelfeld streiten Odonkor, Jones und Trochowski um einen noch freien Platz. Auch Borowski und Rolfes sollten sich nicht zu sicher fühlen.

Überhaupt scheint Löw mit seinem Kader-Casting im Trend zu liegen. Von den 16 Nationaltrainern bei der EM haben zwölf mit einem größeren Kader den Konkurrenzkampf angeheizt. Frühzeitig festgelegt auf ihren 23-Mann-Kader haben sich nur die Trainer von Tschechien, Portugal, Kroatien und Spanien. Das Verfahren ist in, Enttäuschungen der Aussortierten werden in Kauf genommen.

Löw sieht „mehr Positives als Negatives darin“. Man wolle gewappnet sein, wenn sich Spieler verletzen sollten. Der 48-Jährige verwies auf die negativen Erfahrungen des Confed-Cups. 2005 fielen Miroslav Klose und Christian Schultz während der Vorbereitung verletzt aus; die deutsche Mannschaft ging sogar mit einem Spieler weniger als erlaubt in das WM-Testturnier. „Wir wollten niemanden aus dem Urlaub holen. Auf Anhieb hätte der Spieler nicht die nötige Fitness mitgebracht“, hatte Joachim Löw damals gesagt.

Drei Spieler werden sich kurz vor der Ziellinie von ihrem sportlichen Traum verabschieden müssen. Tatsächlich hatte dieser Auswahlprozess anfangs etwas Vages und erinnerte an diverse TV-Castings-Shows. Entweder arbeiteten die Kandidaten im Fitnessraum, regenerierten oder trafen sich nachmittags zur „polysportiven“ Betätigung, wie es Oliver Bierhoff nannte. Es waren weiche Faktoren, die eine Rolle spielten. „Wir wollten die Spieler erleben, sie sollten zeigen, dass sie dazu gehören wollen”, sagt der Manager der Nationalmannschaft. Sollte heißen, wie bindet sich ein Spieler ein, wie nimmt er Ratschläge auf, wie präsentiert er sich in der Gruppe. Vier Tage standen die Kandidaten im Blickpunkt und unter Druck, jeden Tag hatten sie zu beweisen, dass sie besser sind als die anderen. Dies war gewollt, hat Oliver Bierhoff gesagt. Von einem Reizklima innerhalb des Teams aber könne keine Rede sein. „Die Spieler kennen Konkurrenzdruck. Sie halten das aus.“

Fußballerisch beweisen können sich die Wackelkandidaten ab heute, wenn die Familien abreisen und das Fußballerische wieder in den Vordergrund rückt. Bis zur Abreise zum Testländerspiel am Dienstag stehen sieben Trainingseinheiten an. Ob Löw die Spieler, die auf dem Prüfstand stehen, gegen Weißrussland zum Einsatz bittet oder aber diesen Test eher nutzt, damit sich eine Stammelf einspielt, ist noch offen. „Das habe ich noch nicht zu Ende gedacht“, sagt Löw.

Sicher ist, dass er drei Spielern wird wehtun müssen. „Das Schlimmste ist, den Spielern einen Traum zu zerstören“, hatte der damalige Teamchef Franz Beckenbauer gesagt, als er im Vorfeld der WM 1986 vier Kandidaten streichen musste. Bis heute gilt das Beckenbauersche Auswahlverfahren als die Mutter aller Auslesen der deutschen Fußballgeschichte, quasi als Ahn des Castings.

Am Tag der Entscheidung hatte Beckenbauer damals die Spieler gebeten, auf den Zimmern zu warten. Alle fürchteten das Klopfen an der Tür, denn nur bei einer Absage kam Beckenbauer persönlich vorbei. Karl Allgöwer, der sich ein Zimmer mit Guido Buchwald teilte, ahnte Schreckliches, als es klopfte: „Jetzt ist die WM für mich zu Ende.“ Beckenbauer ging tatsächlich auf Allgöwer zu, sagte aber: „Karl, kannst du mich mal mit dem Guido kurz allein lassen.“ Buchwald durfte damals die Reise nach Mexiko nicht antreten. Auch Wolfgang Funkel, Heinz Gründel und Frank Mill mussten daheim bleiben.

Marko Marin wird das erspart bleiben. Als ihn der Bundestrainer das erste Mal persönlich bei einem Spiel der Gladbacher Anfang Mai beobachtete, reichten ihm zwei Szenen, um zu sehen, dass er einer für die EM ist. „Ich hätte nach zehn Minuten nach Hause fahren können“, sagt Löw. Geblieben ist er trotzdem bis zum Ende.

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