Sport : Fußball-Nationalmannschaft: Immer mehr Zukunft

Stefan Hermanns

Das Schriftstück mit der verbotenen Aussage hing gut sichtbar in der Fankurve des Bremer Weserstadions. "Basti Fantasti, unsere wahre 10". Um Himmels willen. Bitte, bitte, bitte, nennt ihn nicht Basti Fantasti! Sebastian Deisler mag das überhaupt nicht. Einst ließ Deisler sogar seinen Arbeitgeber Hertha BSC eigens aus diesem Anlass eine Pressekonferenz einberufen. Er wünsche, so teilte er den Journalisten mit, künftig - entsprechend dem Eintrag in seiner Geburtsurkunde - Sebastian genannt zu werden, und nicht mehr Basti. Die Steigerung "Basti Fantasti", eine Erfindung der Berliner Boulevardmedien, ist für Deisler schlichtweg unerträglich. Wie gut, dass das Transparent schon kurz nach dem Anpfiff von einem Spruchband der "Weser-Power Cuxhaven" verdeckt wurde.

Andererseits, gegen die Aussage, die wahre Nummer 10 zu sein, wird Deisler vermutlich keine rechtlichen Schritte einleiten. Auch im Testspiel gegen die Slowakei durfte sich der Berliner wieder auf seiner Lieblingsposition im zentralen Mittelfeld versuchen. Und obwohl er für das WM-Qualifikationsspiel morgen in Helsinki gegen die Finnen gesperrt ist, muss Deisler nicht fürchten, dass ihm ein anderer die zentrale Rolle auf Dauer streitig machen könnte. "Da gibt es mehrere Variationen", sagt zwar Teamchef Rudi Völler, doch jede von ihnen ist nur eine Zwischenlösung.

Der 21 Jahre alte Sebastian Deisler ist längst zum Symbol für die personelle Erneuerung der deutschen Fußball-Nationalmannschaft geworden. Doch neben und hinter ihm drängen auch andere Spieler nach, die zur Zukunft des deutschen Fußballs werden könnten. Im Testspiel gegen die Slowakei in dieser Woche trugen gleich drei Spieler zum ersten Mal das Nationaltrikot: die beiden Schalker Gerald Asamoah (22) und Jörg Böhme (27) sowie Sebastian Kehl (21) aus Freiburg. Drei Debütanten in einem Spiel - das sind genauso viele wie in den ersten sieben Spielen der Ära Völler zusammen. Mit Christoph Metzelder (20,) und Lars Ricken (24) von Borussia Dortmund, den beiden Bremern Frank Baumann (25) und Torsten Frings (24), Miroslav Klose (22) vom 1. FC Kaiserslautern und dem Leverkusener Michael Ballack (24) sind die Unter-26-Jährigen inzwischen hinreichend in der DFB-Auswahl vertreten.

Was Teamchef Rudi Völler mit der Beförderung Sebastian Deislers zum Spielmacher im März angefangen hat, setzt er nun fort - mit einer Konsequenz, auf die bei seinem Amtsantritt vor einem knappen Jahr nichts hingedeutet hatte. Nach der missglückten Europameisterschaft hatte sich der Teamchef zunächst gegen einen radikalen Neuanfang nur um des Neuanfangs willen geweigert. Dass jetzt die jungen Wilden in die Nationalmannschaft nachrücken, mag nach dem großen Wehklagen über den fehlenden talentierten Nachwuchs noch vor einem Jahr ein wenig unvermittelt kommen. Doch Rudi Völler findet das "gar nicht so überraschend. Man weiß, was sie können."

Sebastian Kehl zum Beispiel. Vor einem Jahr wechselte er für 200 000 Mark von Hannover 96 aus der Zweiten Liga zum SC Freiburg. "Mal reinschnuppern" wollte er, 15 bis 20 Bundesligaspiele machen. Inzwischen hat Kehl beim Sportclub nicht nur einen Stammplatz, der 21-Jährige gilt auch längst als Wunschkandidat deutscher Großvereine wie Bayern München oder Bayer Leverkusen. Kehl, so sagte Völler, habe "eine Art Fußball zu spielen, wie man sie seit langem nicht mehr gesehen hat in Deutschland": Er verfügt über eine außergewöhnliche Spielintelligenz, ist taktisch klug und technisch stark. In Freiburg bereitete er als Libero, der vor der Abwehr spielt, sechs Tore vor. Nicht zuletzt deshalb hält Völler ihn für einen Spieler, "der auch in der Vorwärtsbewegung einiges vollbringen kann".

Normalerweise sollte Kehl seine Fähigkeiten bis auf weiteres noch in der U-21-Auswahl beweisen. Dass er nun gleich in die A-Nationalmannschaft durchmarschierte, hat er natürlich auch der angespannten Personalsituation zu verdanken. Trotzdem wird er kein zweiter Zoltan Sebescen werden, der auch mal bei der Nationalmannschaft mitmachen durfte, weil gerade kein anderer da war. Kehl selbst fühlt sich "wie im Märchen", kann das alles "gar nicht richtig fassen". Aber das wird schon noch kommen.

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