Sport : Fußball-Nationalmannschaft: Kapitän auf Abruf

Stefan Hermanns

Manchmal kann es ganz praktisch sein, sich fern der Heimat aufzuhalten. Im Moment gilt dies vor allem für den Tross der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Denn während die Menschen zu Hause nach einem halben Jahr voller Hoffnung wieder schlimmste Befürchtungen über die Zukunft des deutschen Fußballs hegen, kann Rudi Völler, der anfangs erfolgreiche Teamchef, im fernen Athen allen Ernstes behaupten, er wisse nicht, was Deutschlands oberster Fußballheiliger Franz Beckenbauer in Deutschlands einflussreichster Boulevardzeitung geschrieben habe. "Das höre ich das erste Mal", sagte Völler gestern, als er auf Beckenbauers Forderung angesprochen wurde, Oliver Bierhoff die Kapitänsbinde vom Arm zu nehmen. "Für Bierhoff scheint die Last doch zu schwer zu werden", hatte der Präsident des FC Bayern München geschrieben.

Als Nachfolger favorisiert Beckenbauer seinen Vereinsangestellten Oliver Kahn. "Ein Torwart ist zwar keine Traumlösung, aber es geht." Zumal Kahn ohnehin so etwas wie der geschäftsführende Kapitän der Nationalmannschaft ist, da Bierhoff zuletzt häufiger nicht zur Anfangself gehörte. Was jedoch aus Beckenbauers Sicht hauptsächlich für Kahn spricht: "Er stellt etwas dar." Von Oliver Bierhoff kann man dies zurzeit nicht unbedingt behaupten.

Seit 1998, seit dem Rücktritt Jürgen Klinsmanns, ist Bierhoff Kapitän der Nationalmannschaft. In 19 seiner 54 Länderspiele hat der Stürmer vom AC Mailand die schwarzrotgoldene Binde getragen - genauso oft wie Bernhard Dietz und einmal weniger als Berti Vogts. Doch aller Voraussicht nach wird es Bierhoff nicht mehr gelingen, seinen einstigen Fürsprecher Vogts in dieser Statistik einzuholen. Rudi Völler hat sich offensichtlich gegen Bierhoff entschieden - ganz ohne dafür den klugen Ratschlag Beckenbauers benötigt zu haben. Seit gestern ist Oliver Bierhoff nur noch Kapitän auf Abruf.

Der Teamchef will sich zwar bis Mittwoch, wenn die Nationalmannschaft in Athen gegen Griechenland spielt, nicht mehr mit dieser Frage beschäftigen; danach aber sei bis zum nächsten Länderspiel Ende Mai "genügend Zeit zum Nachdenken". Völler bestätigte gestern noch einmal, was er auch in den vergangenen Tagen immer wieder gesagt hatte: "Oliver ist immer noch ein sehr, sehr guter Stürmer", allerdings konnte Bierhoff dies zuletzt nur selten beweisen. "Er hat im Moment keine gute Phase", sagte Völler auch. Wichtig sei daher nicht die Frage: Kapitän oder nicht? Wichtig sei, dass Bierhoff wieder zu seiner Form finde, und zwar "über den Verein".

Früher war dies anders. Berti Vogts hielt als Bundestrainer an seinem Kapitän Jürgen Klinsmann fest, als die "Bild"-Zeitung bereits mit hohen dreistelligen Zahlen dessen Erfolglosigkeit auch statistisch belegen konnte. Am Ende hatte Klinsmann in jener für ihn kritischen Phase 854 Minuten benötigt, um für die Nationalelf ein Tor zu schießen. Bei Bierhoff sind es gerade mal 433 Minuten. Doch anders als zu Klinsmanns Zeiten sind Spiele mit der Nationalmannschaft momentan nur bedingt geeignet, kriselnden Profis neues Selbstbewusstsein zu verschaffen. Dazu ist der Großteil des Teams viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Auch aus diesem Grund kann es sich Völler zurzeit kaum erlauben, einen Spieler nur deswegen aufzustellen, weil er ein Anrecht auf die Kapitänsbinde zu haben glaubt. Gegen Albanien hatte Bierhoff auf "ein dummes Tor" gehofft, wurde dann aber zur Halbzeit ausgewechselt. Gegen Griechenland wird er wohl nicht zur Anfangsformation gehören.

Am Sonntagabend hat Völler ein langes Gespräch mit Bierhoff geführt, "total offen und klar", wie DFB-Sprecher Wolfgang Niersbach ergänzte. Bierhoff, so sagte Völler, gehe sehr selbstkritisch mit seiner schwierigen Situation um. Bereits vor einigen Monaten habe er intensiv darüber nachgedacht, das Amt als Kapitän niederzulegen, die Entscheidung dann aber vor sich hergeschoben. Gut möglich, dass sie ihm schon bald abgenommen wird.

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