Fußball-Nationalmannschaft : Mario Götze: Ein Mann zeigt Zähne

Zuletzt machte Mario Götze den Eindruck, als leide er beim FC Bayern vor sich hin. Aber nun hat sich der WM-Siegtorschütze beim 4:1 gegen Italien eindrucksvoll zurückgemeldet.

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Einen Satz heiße Ohren? Den hatte sich Torschütze Mario Götze (r) eigentlich nicht verdient. Aber der Thomas Müller hat nur Spaß.
Einen Satz heiße Ohren? Den hatte sich Torschütze Mario Götze (r) eigentlich nicht verdient. Aber der Thomas Müller hat nur Spaß.Foto: dpa/Hoppe

Mehmet Scholl hat schon immer über großes humoristisches Talent verfügt. Und noch heute ist er offensichtlich in der Lage, den Menschen ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Zumindest bei Mario Götze war das am Mittwochabend so: Die Erwähnung des Namens Scholl genügte. Götzes Mundwinkel gingen auf größtmöglichen Abstand, die Oberlippe verschwand nach oben, die Unterlippe nach unten, sodass nur noch seine zusammengepressten Zahnreihen zu sehen waren. Götze gelang das Kunststück, Schmerz und Entzücken zugleich zum Ausdruck zu bringen. Viel wichtiger aber war: Er zeigte Zähne.

Zuletzt hatte man eher den Eindruck, dass der 23-Jährige einfach still vor sich hin leidet, dass er das vermeintliche Unrecht, das ihm beim FC Bayern widerfährt, ungerührt über sich ergehen lässt. Am Mittwoch vor 62.000 Zuschauern in der Münchner Arena und 12,6 Millionen vor den Fernsehern kämpfte Götze öffentlichkeitswirksam gegen diesen Eindruck an – nicht nur auf dem Feld, wo er beim 4:1-Sieg gegen Italien das zwischenzeitliche 2:0 erzielt hatte; auch danach, als er auf die Aussagen des TV-Experten Scholl angesprochen wurde.

Scholl hatte Götze vor dem Spiel mangelnden Trainingsfleiß vorgeworfen und damit ein Vorurteil bedient, mit dem vermutlich alle Spieler mit viel Begabung im Fuß leben müssen: Tun die nicht alle eigentlich zu wenig, weil sie per se weniger tun müssen als ihre minderbegabten Kollegen? Vielleicht hatte Scholl, Urahn vom Stamm der großen Talente, aber auch nur von sich auf Götze geschlossen. Der Mittelfeldspieler reagierte jedenfalls mit offensivem Amüsement. „Ich wusste nicht, dass er mein Training beobachtet. Ich wusste auch nicht, dass er immer dabei ist, wenn ich trainiere“, sagte er. „Aber ich nehm’s mir mal zu Herzen.“

Im Kreis der Kollegen fanden sich spontan etliche Zeugen für Götzes ausgeprägten Arbeitsethos. Toni Kroos zum Beispiel. „Er macht sehr, sehr viel“, sagte er. Götze gilt in der Tat als besonders fleißig, als Spieler, der freiwillig mehr trainiert. Scholls Vorwurf ist auch insofern seltsam, als Götze eine aufwendige Reha-Phase hinter sich hat, in der er gar nichts anderes machen konnte, als zu trainieren.

Seinen Treffer feierte Götze ausgelassener als das Tor, mit dem er Deutschland zum Titel schoss

Dass seinem Spiel am Mittwoch die alte Selbstverständlichkeit fehlte, dass er nicht hundertprozentig spritzig wirkte, lag eher an seiner langen Verletzungspause und mangelnder Praxis. Bei den Bayern stand er zwar in diesem Jahr acht Mal im Kader, aber nur einmal, gegen Werder Bremen, durfte er 53 Minuten mitspielen. Der Startelfeinsatz nun gegen Italien „hat mir sehr, sehr viel gegeben“, sagte Götze. Ihm gelangen einige feine Aktionen, das 2:0 erzielte er gegen die italienischen Defensivmonster sogar per Kopf. Ein Moment mit Seltenheitswert, „und dann noch hier in München“, freute sich Götze. „Das war natürlich das I-Tüpfelchen.“

Seinen Treffer feierte er tatsächlich noch ausgelassener als das Tor, mit dem er die deutsche Nationalmannschaft vor 20 Monaten zum WM-Titel geschossen hat. Dass Thomas Müller ihm umgehend ein paar Watschn verpasste, wirkte fast so, als wollte er ihn mit aller Macht in die Realität zurückholen. „Klar fällt da was ab“, sagte Müller. „Er hat ja auch genug zu lesen bekommen in den letzten Wochen. Wenn du dann ein Tor machst, kann ich mir schon vorstellen, dass da ein paar Emotionen freigesetzt wurden.“

Für Götze gilt das, was schon viele Hochbegabte vor ihm erlebt haben. Er wird mit anderen Maßstäben gemessen, und die WM 2014 hat den Hang zu Extremen noch verschärft. In der öffentlichen Beurteilung gibt es nur Finaltorschütze oder Freundschaftsspielversager; dazwischen ist nichts. Dabei hat Götze immer wieder erfolgreich gegen Widerstände angekämpft. „Er gibt nie auf und macht immer weiter“, sagte Torhüter Marc-André ter Stegen, der 2009 gemeinsam mit ihm die U-17-Europameisterschaft gewonnen hat. „Das ist eine große Stärke von ihm.“ Auch Bundestrainer Joachim Löw verteidigte Götze gegen das Vorurteil, zu weich zu sein. „Mario hat sich das selber hart erarbeitet“, sagte er. „Ich hoffe, dass ihm dieses Spiel ein bisschen Selbstbewusstsein gibt für die nächsten Wochen.“

Das Problem ist, dass es jetzt erst einmal bei den Bayern weitergeht, wo der Trainer Pep Guardiola heißt. Der Spanier saß in München auf der Tribüne, aber Götze widersprach der Vermutung, dass er für Guardiola gespielt habe: „Ich spiele für mich.“ Auch den Fragen nach seiner persönlichen Zukunft wich er aus: „Ich bin im Hier und Jetzt und in der Gegenwart. Ich hab ein gutes Spiel gemacht. Ich hab getroffen. Ich bin wieder auf dem Platz. Ich bin gesund, und das ist das Wichtigste.“ Zumindest bis zum nächsten Spiel der Bayern.

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