Fußball-Nationalmannschaft : Patrick Herrmann: Der Stressmacher

Patrick Herrmann darf Hoffnungen auf die EM machen, denn DFB-Trainer Joachim Löw braucht frisches Blut in der Nationalmannschaft.

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Den Zug zum Tor, den Herrmann (elf Saisontreffer, acht in der Rückrunde) im Verein gezielt intensiviert hat, legte er nun auch gegen die USA an den Tag.
Den Zug zum Tor, den Herrmann (elf Saisontreffer, acht in der Rückrunde) im Verein gezielt intensiviert hat, legte er nun auch...Foto: rtr

Vor knapp drei Wochen, nach dem letzten Punktspiel gegen Augsburg, gab Patrick Herrmann noch den Genügsamen. Die Frage nach einem möglichen – und dann doch nicht erfolgten – Ruf von Joachim Löw hatte Gladbachs Sausewind schließlich schon tausendfach gehört. „Ich sag’ jetzt nicht, dass ich unbedingt dabei sein muss“, erzählte er und richtete sich bescheiden auf eine fortgesetzte Funkstille zwischen ihm und dem Bundestrainer ein. Er freute sich auf den bevorstehenden Bali-Urlaub mit Freundin – und musste drei Tage später umbuchen.

Denn Löw hat nicht nur Herrmanns prominente Rolle in der grandiosen Rückrunde der Gladbacher verfolgt. Der Weltmeister-Coach ist zudem dabei, an bestimmten Positionen in seiner Mannschaft den großen Schraubenschlüssel anzusetzen. „Ab August, September will ich wieder frisches Blut einfließen lassen. Dann wird es einen heißen Kampf um die Plätze geben, und es könnten zwei, drei junge Spieler nachrücken“, sagte Löw. Er will den Arrivierten Dampf machen. Und der Anführer unter den Dampfmachern ist nach dem USA-Testspiel (1:2) der Nationalelfdebütant Herrmann – auch wenn das Einstellungskriterium „jung“ in seinem Fall relativ ist.

Der gebürtige Saarländer ist immerhin schon 24. Für die Feuertaufe in der DFB-Auswahl mag das vor 30 Jahren ein gängiges Alter gewesen sein. Im Zeitalter der Götzes (erstes Länderspiel mit 18), Schweinsteigers (mit 19) oder Podolskis (ebenfalls mit 19) aber wirkt ein Neuling wie Herrmann schon fast wie ein Greis. Doch Joachim Löw trifft seine Entscheidungen nicht nach eisernen Grundsätzen, sondern nach Bedarfslage. Und blitzgeschwinde Flügelstürmer wie Herrmann oder den 25-jährigen Leverkusener Karim Bellarabi, der im vergangenen Oktober im Nationalteam debütierte, kann er momentan gut gebrauchen.

„Wir sind zu einer Ballbesitzmannschaft geworden“, sagte der Bundestrainer. Fähigkeiten wie „Ballgewinn, blitzartiges Kontern, in die Tiefe gehen oder weite Sprints machen“ seien seinem Team zuletzt verloren gegangen, stellte Löw fest. Genau deshalb beorderte er Herrmann zum Testspiel gegen die Amerikaner und zum EM-Qualifikationsspiel gegen Gibraltar ein – und stachelte den hochmotivierten Gladbacher vorab zudem an: „Im Hinblick auf die EM ist er einer der Spieler, die eine Rolle spielen könnten.“

Patrick Herrmann hat seine gute Form aus Gladbach mitgenommen

Was alles in ihm steckt, zeigte der inzwischen auch körperlich robustere Borusse gegen die USA, nicht nur bei seiner zielstrebigen Vorarbeit zu Mario Götzes Führungstreffer. „Man hat gesehen, welche Fähigkeiten er hat, wie schnell er am Ball ist“, sagte Kapitän Bastian Schweinsteiger. Und Herrmanns Vereinskollege Christoph Kramer, zur nächsten Saison wieder für Bayer am Ball, stellte fest: „Er hat seinen Lauf von Gladbach mitgenommen.“

Mittelfeldakteure wie Mesut Özil, Marco Reus, Götze oder André Schürrle müssen die Rasanz, die Löw für die Zukunft als wichtige Zusatzessenz zum gepflegten Ballbesitzfußball seiner Mannschaft einfordert, erst wieder in sich entdecken. Herausforderer Herrmann hat die Zeichen der Zeit erkannt. Er könnte speziell dann in den Fokus rücken, wenn der im rechten Mittelfeld gesetzte Thomas Müller den Job im Sturmzentrum übernehmen sollte. Den Zug zum Tor, den Herrmann (elf Saisontreffer, acht in der Rückrunde) im Verein gezielt intensiviert hat, legte er nun auch gegen die USA an den Tag. Sehr zur Freude des Bundestrainers, der den Gladbacher lobte: „Er hat die gegnerischen Abwehrspieler häufig unter Stress gesetzt.“ Und ab sofort soll er auch dem Etablissement im eigenen Team ordentlich Stress machen

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