Sport : Fußball-Talente als Handelsware?: Profikarriere? Keine Garantie

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Früher gab es sie noch, die gute, alte Fußballwelt. Für Horst Kuffler jedenfalls. Es war Anfang der 90er Jahre, als plötzlich ein Vater mit seinem Kind auf der Geschäftsstelle von Hertha BSC auftauchte. "Ich habe hier einen talentierten Sohn", sagte der Vater. "Kann der bei Ihnen Fußball spielen?" Kuffler überlegte, prüfte und nickte. Der Sohn hieß Ante Covic; Jahre später spielte er in der Bundesliga für Hertha BSC. Ja, sagt Kuffler, der Jugendleiter von Hertha, so war das früher.

Und heute? Heute kommt ein 17-Jähriger zu Kuffler und fordert 2500 Mark pro Monat. Netto natürlich. Kuffler überlegt nicht lange, prüft nicht lange, er schüttelt nur schnell den Kopf. So läuft das nicht bei Hertha. Zumindest nicht so einfach.

Aber natürlich gibt es auch bei Hertha schon mit 15- und 16-Jährigen Verträge. Mit noch jüngeren Spielern trifft man Vereinbarungen, bezahlt sie aber nicht. "Wir bezahlen nur die Spieler der Leistungsteams", sagt Falko Götz, Herthas Jugend- und Amateurkoordinator. Er spricht von A- und B-Jugendlichen. Den B-Jugendlichen bezahlt der Klub die Monatskarte der BVG. Die A-Jugendlichen spielen in der Regel auf 630-Mark-Basis. Herthas Jugendnationalspieler haben zudem noch einen Anschlussvertrag an den Männerbereich, für Herthas Amateurmannschaft. Erst dort verdient ein Spieler monatlich einige tausend Mark. Jugendspieler aus dem Ausland bekommen weitere Zuwendungen.

Hertha dagegen - aufgestiegen zur Spitzenmannschaft. Champions League, Uefa-Pokal, so etwas zieht. Als Herthas A-Jugend vor kurzem gegen den SC Freiburg um die Deutsche Meisterschaft spielte, saßen auf den Rängen die wichtigen Leute. DFB-Auswahltrainer Klaus Sammer zum Beispiel. Oder die Scouts anderer Bundesligaklubs. Das Spiel wird zum Schaulaufen. Um die Verhandlungen kümmern sich dann die Berater. Verteidiger Lars Finke ist bei Jörg Neubauer unter Vertrag. Eine prominente Adresse: Neubauer berät auch Sebastian Deisler und Marko Rehmer. Norbert Pflippen, einst Berater von Lothar Matthäus, kümmert sich um das Talent Thorben Marx.

Bei den Verhandlungen hat Hertha den Vorteil, "nicht ködern zu müssen", sagt Götz. "Wir bieten den Spielern eine hochwertige Ausbildung." Fünf Millionen Mark investiert Hertha in den Nachwuchs. Am 1. Juli eröffnet der Klub ein eigenes Internat. 18 Spieler werden dort wohnen. "Wir stecken unser Geld in die Infrastruktur", sagt Götz. In perfekte Trainingsplätze, in kompetente Trainer. Herthas Ex-Nationalspieler Andreas Thom wird Kotrainer der Amateure. Dirk Schlegel, auch ein ehemaliger Bundesligaspieler, übernimmt die B-Jugend. "Junge Spieler haben nur Vorteile, wenn sie von so vielen Ex-Profis betreut werden", sagt Götz.

Der Druck aber ist enorm. Der Verein will auf Knopfdruck Leistung sehen. "Die Spieler sind froh, dass sie auf so hohem Niveau ausgebildet werden", sagt Herthas A-Jugendtrainer Michael Wolf. "Dafür lohnt es sich zu kämpfen." Der Alltag ist entsprechend. "Du musst auf viel verzichten", sagt A-Jugendstürmer Sebastian Hoeneß. Der Sohn von Hertha-Manager Dieter Hoeneß muss mit dem Druck umgehen, ständig am Erfolg seines Vaters gemessen zu werden. Auch der Kontakt zu den Freunden nehme ab, sagt Hoeneß. Da sich Jugendliche in der Pubertät auch noch von ihren Eltern lösen, drohen sie allein dazustehen.

Also hat Hertha eine besondere Fürsorgepflicht. Der Verein schickt seine Spieler auf die Charlottenburger Poelchau-Oberschule. "Durch die Kooperation können wir Rücksprache mit den Lehrern halten", sagt Jugendleiter Kuffler. "Wenn jemand in der Schule abfällt, kriegt er Dampf. Fußball allein, das geht nicht." Ein Nachhilfelehrer steht auf Abruf bereit. Den Spielern, die ihren Schulabschluss haben, vermittelt Hertha eine Lehrstelle. So wird A-Jugend-Torhüter Gianmario Strambace gerade zum Einzelhandelskaufmann ausgebildet. Bei einem Sponsor von Hertha BSC.

Eines will Götz nämlich klarstellen. "Wir garantieren eine ordentliche schulische Ausbildung", sagt er. "Nicht aber eine Profikarriere."

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