Sport : Fußball-Talente als Handelsware?: Wer langsam steigt, kommt auch nach oben

Oliver Trust

Die Zentrale des Deutschen Fußball- Bundes in Frankfurt am Main steckt voller verborgener Talente. Auf alle Fälle in der Medien-Direktion schlummert jede Menge Potenzial. Das hat die harte Prüfung des neuen Fußballabzeichens bewiesen. Das ist wie das Sportabzeichen ein Test für Millionen, den noch der frühere Bundestrainer Berti Vogts erfunden hat. Mediendirektor Wolfgang Niersbach ("Versuchen sie mal einen Elfmeter genau in den Winkel zu schießen") und seine Kollegen von der Pressestelle haben das Abzeichen bestanden. Und 3000 Fußballfreunde, junge und ältere, spielten sich erfolgreich beim Familientag der Landesverbände durch die Aufgaben.

Marco Quotschalla allerdings war nicht dabei. Der Zwölfährige hat beim 1. FC Köln einen Achtjahresvertrag unterschrieben und damit fast ausgesorgt. Das hat auch beim DFB Verwunderung ausgelöst. "Wenn solche Dinge passieren, dann schreien alle nach dem DFB", sagt Niersbach. "Aber wir haben keine Handhabe, da einzugreifen. Es gibt eine Vereinsautonomie. Und es existiert keine Bestimmung, die das verbietet".

Ein Achtjahresvetrag für einen 12-Jährigen! "Das gab es in Italien und ich glaube auch bei Maradonas Bruder. Aus all denen ist nichts geworden", sagt Niersbach. "Viel zu früh zu schnell hochgekommen". Aber wer will das hören? "Ich kann doch einem Torwart in Saarbrücken nicht ernsthaft raten, als Bester seines Kreises zum 1. FC Kaiserslautern zu wechseln. Dort kriegt der ja nie was zu halten." Talente, so meinen die Strategen beim DFB, könnten auch in kleinen Klubs reifen, "obwohl wir keinem Verein verbieten können, die Jahrgangsbesten zusammenzuziehen". Mit einem Pilotprojekt soll die Ansicht unterstützt werden. Im Bezirk Mittelrhein fing der DFB an, bereits mit 12-Jährigen Stützpunkttraining zu absolvieren. Einmal die Woche Technikschulung. Vorher gab es das für 14- bis 15-Jährige Nachwuchsfußballspieler im C- und B-Jugendbereich. Ab der neuen Saison wird das Projekt auf das gesamte Bundesgebiet ausgedehnt. In 440 Stützpunkten erhalten die jungen Kicker "individuelles Training, was nicht mit Mannschaftstraining zu verwechseln ist" (Niersbach). Jede zweite Mark des DFB fließe in die Nachwuchsförderung. 25 Millionen Mark kostet allein das neue Projekt der Stützpunkte mit seinen vielen bezahlten Trainern.

Der Rest sind flammende Appelle. "Patentrezepte gibt es nicht. Im Nachwuchsbereich laufen unglaublich viele Dinge, aber keiner kann davon ausgehen, dass wir einen neuen Häßler, Völler oder Matthäus finden." Überhaupt: die Vorbilder. Bei der EM 2000 blamierten sich die deutschen Topfußballer. Auf Kinder, die mehr Alternativsportarten angeboten bekommen als alle Generationen vor ihnen, könnte diese Blamage durchaus abschreckend wirken.

Sicher. Andererseits: "Sollen wir nicht zur WM 2002, damit sich Sebastian Kehl weiter nach oben spielen kann?", fragt Niersbach. Blödsinn. Kehl, der junge Freiburger, der sich in der Nische im Breisgau zum Nationalspieler entwickelt hat, wird auch so seinen Weg gehen. Davon ist Niersbach überzeugt. Weil Kehl sich bei seiner Karriereplanung für einen gesunden Weg entschieden habe. Ganz einfach deshalb.

Wer langsam steigt, kommt auch nach oben. Und wer trotzdem fällt, der leidet nicht so fürchterlich.

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