Fussball und Gewalt : Behandelt Fans nicht als Risiko!

Der 21. Juni 1998 war ein Wendepunkt für den Weltfußball: Nach dem Angriff auf den Polizisten Daniel Nivel mussten Fans, Verbände und Sicherheitskräfte umdenken. Hier erklärt Fanexperte Michael Gabriel, was sich in den letzten zehn Jahren verändert hat. Und warum ein neuer Fall Nivel heute äußerst unwahrscheinlich ist.

Michael Gabriel
Urteil im Hooligan-Prozeß Tatortfoto Foto: dpa
Tatort Lens. 21.6.1998: Der Übergriff auf den bereits am Boden liegenden französischen Gendarmen Daniel Nivel.Foto: dpa

Es ist nun zehn Jahre her, dass deutsche Fans bei der WM 1998 in Lens den Gendarmen Daniel Nivel halbtot prügelten. Nicht nur wir Fanarbeiter waren am Boden zerstört, der Schock hatte auch Politiker, Funktionäre und Polizisten und nicht zuletzt die Fanszene getroffen. Auch Hooligans haben Grenzen, die normalerweise nicht überschritten werden: Einen wehrlosen Polizisten fast totzuschlagen, fällt nicht darunter. Viele Fans erkannten, dass es so nicht weitergehen konnte, überall wurde sofort Geld für Nivels Familie gesammelt. Während der WM haben wir mit den Fans eine Zeitung herausgegeben, in der sie ihr Entsetzen und ihr Bedauern ausdrücken konnten. Der Fall blieb das zentrale Thema während der WM, man kann von einem Selbstreinigungsprozess sprechen.

Seit diesem Tiefpunkt hat sich jedoch viel zum Positiven verändert: Heute ist es äußerst unwahrscheinlich, dass sich etwas Vergleichbares wiederholt – nicht nur weil sich die Fanszene gewandelt hat. Immer mehr Verantwortliche auf Seiten des Fußballs aber auch der Sicherheit haben verstanden, dass es nicht nur um Repression, sondern in erster Linie darum gehen muss, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich Fans willkommen fühlen. Unsere zentrale Forderung an die Organisatoren war immer: Behandelt Fußballfans nicht als Sicherheitsrisiko, sondern als wichtigen Bestandteil des Turniers. Sorgt dafür, dass sie sich wohlfühlen. Und dass nicht nur den VIPs und Besserverdienenden Aufmerksamkeit geschenkt wird. Konkret heißt das: Preisgünstige Übernachtungsmöglichkeiten, ein fanspezifisches Rahmenprogramm und ein fanfreundlicher Service vermitteln das Gefühl von Gastfreundschaft. Dann ist es viel wahrscheinlicher, dass sich polnische und deutsche Fans bei einem Bier über Ebi Smolarek, Miroslav Klose oder Lukas Podolski unterhalten, als dass sie aufeinander losgehen.

Die Unterschiede in der Organisationsphilosophie und ihre Auswirkungen wurden bei der Europameisterschaft 2000 offensichtlich. Zwei Jahre nach Lens setzte Belgien bei der EM 2000 ausschließlich auf „Law and Order“, der andere Gastgeber, die Niederlande, auf Kommunikation mit den Fans. Im belgischen Lüttich, beim eigentlich völlig unproblematischen ersten Spiel der Deutschen gegen Rumänien, wurden auf Anweisung des Bürgermeisters alle Stühle auf den Terrassen der Restaurants angekettet und die Speisen ausschließlich auf Plastikgeschirr serviert. Viele Kneipen und Geschäfte machten gar nicht erst auf. Weil alle Fußballfans undifferenziert als Sicherheitsrisiko betrachtet wurden, war die Stimmung gereizt. So war es kein Wunder, dass Belgien die höchsten Festnahmezahlen der letzten Turniere zu verzeichnen hatte. Beim ersten Spiel der Engländer im niederländischen Eindhoven wurde von Zehntausenden englischen Fans ein einziger verhaftet. Beim zweiten Spiel in Charleroi gegen Deutschland wurden nur fünf Tage später über 400 festgenommen, nach dem dritten Spiel in Brüssel waren es insgesamt 978! Dabei waren das im Grunde die selben Leute.

Vor der WM 1998 gab der englische Fußball-Verband noch mehr als eine Million Pfund für eine Werbekampagne aus, in der die eigenen Fans aufgefordert wurden, zuhause zu bleiben. Mit dem Tenor: Wenn ihr kein Ticket habt, seid ihr in Frankreich unerwünscht und werdet wahrscheinlich festgenommen. Dabei war Frankreich 1998 der Beginn einer neuen Entwicklung bei großen internationalen Fußballturnieren: Erstmals reisten wesentlich mehr Menschen ohne Eintrittskarten in die Spielorte, was die Verantwortung der Organisatoren auch außerhalb der Stadien deutlich erhöht hat. Großbildleinwände geben kartenlosen Fans – aber auch den Einheimischen – die großartige Möglichkeit, ihr zentrales Bedürfnis bei der EM zu befriedigen: zusammen mit anderen das Spiel in einer von Fußball dominierten Atmosphäre zu sehen.

Auch die Zusammensetzung der Fans bei großen Turnieren hat sich stark verändert. Von den 4000 bis 5000 englischen Fans bei der WM 1990 waren vielleicht 1500 den Hooligans zuzurechnen. Bei der WM 2006 hingegen waren pro Partie um die 70 000 Engländer in den Spielorten – und es gab so gut wie keine Probleme. Auch die Fankultur rund um die deutsche Nationalelf ist, trotz einiger immer noch vorhandener Probleme, in den letzten Jahren jünger, freundlicher und weiblicher geworden. Durch die immense Nachfrage nach Tickets ist die Zusammensetzung der Fans auch entsprechend zufällig. Wer ein Ticket will, muss in der Verlosung Glück haben!

Aus meiner Perspektive war bei der WM 2006 die Botschaft der Schlüssel zum Erfolg: Ihr seid alle willkommen, auch wenn ihr kein Ticket habt. Die Mischung aus Sicherheitsmaßnahmen und Freiraum war ziemlich perfekt. Das hat beispielsweise die Fanmeilen zu diesem Erfolg werden lassen. Alle Beteiligten haben sich wirklich bemüht, eine freundliche, offene Atmosphäre zu schaffen. Auch die Polizei; Beamte, die in kurzärmligen Hemden herumliefen und den Dialog mit den Fans suchten. Wenn man in Robocop-Ausrüstung und heruntergeklapptem Visier herumsteht, sendet man ein anderes Signal.

Die Kos und die deutschen Fan-Projekte, die – einzigartig in Europa – seit 1990 vom DFB gefördert werden, sind in der internationalen Fanbetreuung auch nicht mehr alleine. Bei der WM 1998 in Frankreich gab es nur zwei Länder, die etwas für ihre Fans getan haben: England und Deutschland. Bei dieser EM betreuen zehn Länder mit einer mobilen Fanbotschaft ihre Anhänger, zum zweiten Mal nach Portugal 2004 nun auch offiziell von der Uefa unterstützt.

Trotz aller Erfolge: Bei dieser EM hat all das in zum Beispiel in Klagenfurt nicht optimal funktioniert. Die Stadt hatte beste Voraussetzungen für ein fröhliches Fest, vor dem Beginn der WM wurde den Menschen aber viel Angst gemacht. Zeitungen schrieben, dass sich polnische Hooligans in Baumärkten bereits Knüppel zugeschnitten hätten, dass eine Gewaltwelle die Stadt überrollen würde. In der Innenstadt waren keine Fahrräder erlaubt – aus Angst, sie könnten als Wurfgeschosse missbraucht werden. An Ladenbesitzer wurde von der Stadtverwaltung Pfefferspray verteilt. Von 70 000 Fans beim Spiel Deutschland gegen Polen mussten dann 17 ins Krankenhaus gebracht werden – wegen Wespenstichen oder Bauchschmerzen. Auch diese Zahl zeigt: Seit jenem grässlichen 21. Juni 1998, als Daniel Nivel ins Koma geprügelt wurde, haben wir große Fortschritte gemacht.

Michael Gabriel leitet die Koordinationsstelle Fanprojekte Kos.

Aufgezeichnet von Lars Spannagel.

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