Fussball und Gewalt : Der Fall Nivel: „Als träte man einen Fußball“

Vor zehn Jahren wurde der französische Polizist Daniel Nivel von deutschen Hooligans überfallen und brutal zusammengeschlagen. Heute sind alle Täter wieder auf freiem Fuß.

Lars Spannagel
Nivel
Das Opfer. Daniel Nivels Sprache ist bis heute beeinträchtigt, er kann nie wieder arbeiten.Foto: AFP

Es ist der 21. Juni 1998, das WM-Vorrundenspiel im Stadion „Félix Bollaert“ von Lens zwischen Deutschland und Jugoslawien endet 2:2. Der 44-jährige Gendarm Daniel Nivel bewacht in einer Nebenstraße mit zwei Kollegen Einsatzfahrzeuge, als eine Gruppe deutscher Hooligans von der französischen Polizei in ihre Richtung abgedrängt wird. Viele Deutsche sind nach Lens gekommen, ohne Eintrittskarten für das Spiel zu haben. Die französische Polizei ist überrascht davon, wie gewalttätig und organisiert die Hooligans auftreten, im Vorfeld hat es nur wenige Absprachen mit deutschen Kollegen gegeben.

Rund 30 Männer stürmen mit dem Ruf „Hier sind nur drei! Die machen wir platt!“ in die Rue Romuald Pruvost. Seine beiden Kollegen können sich retten, der zweifache Familienvater Nivel geht nach einem Schlag zu Boden und verliert seinen Helm. Mehrere Männer treten und prügeln weiter auf ihn ein, unter anderem mit seinem Gewehraufsatz für Gasgranaten und einem Reklameschild aus Holz. Er erleidet schwerste Kopfverletzungen, die Bilder, wie er in einer Blutlache auf dem Asphalt liegt, gehen um die Welt. Bundeskanzler Helmut Kohl spricht von „einer Schande für unser Land“, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) erwägt, die Mannschaft von der WM zurückzuziehen.

Sechs Wochen liegt Daniel Nivel im Koma. Als er erwacht, kann er sich an nichts erinnern, seine motorischen Fähigkeiten sind stark eingeschränkt, er riecht, hört, sieht und schmeckt fast nichts mehr, er wird nie wieder arbeiten können, seine Sprache bleibt beeinträchtigt. Im Prozess vor dem Landgericht Essen gegen vier Deutsche im Alter zwischen 23 und 31 Jahren sagt einer der Täter aus, der Angriff sei nicht geplant gewesen. Die Polizei hätte die Innenstadt hermetisch abgeriegelt, das habe die Männer frustriert. Die Tat selbst beschreiben die vier Männer als eine Art Rausch. „Es war halt so, als träte man eine Fußball“, sagt einer. Das Gericht verurteilt sie 1999 zu Haftstrafen zwischen dreieinhalb und zehn Jahren, ein weiterer Hooligan wird 2001 in Frankreich zu fünf Jahren Haft verurteilt. Heute sind alle Täter wieder auf freiem Fuß.

Im Jahr 2000 ruft der DFB zusammen mit Fifa und Uefa die „Daniel-Nivel-Stiftung“ ins Leben, an der auch die Fußballverbände Frankreichs, Italiens und Englands beteiligt sind. Ihre Aufgabe: verhindern, dass sich Ereignisse wie in Lens wiederholen können, und erforschen, wie es zu Gewalt rund um den Fußball kommen kann. Die Stiftung sammelt Geld für Opfer von Gewalt, hilft beim Aufbau von internationalen Fanprojekt-Netzwerken und organisiert Fachkonferenzen. Für Ende 2008 ist ein zweitägiger Workshop zum Thema polizeiliches Konfliktmanagement geplant. Noch hat die Stiftung ihren Sitz in Basel und ist an die Fifa angegliedert, sie soll aber nach Deutschland umziehen und künftig federführend vom DFB betreut werden.

Zur Weltmeisterschaft 2006 lädt der DFB Daniel Nivel und seine Familie als Ehrengäste zum Spiel Deutschland gegen Polen ins Stadion nach Dortmund ein. Heute, zehn Jahre nach der Tat, will die Familie nicht mehr an die Geschehnisse von Lens erinnert werden.

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