Fußball und Politik : EM-Boykott: Und jetzt alle

Wenn es in diesen Tagen um die Fußball-EM geht, entdecken die Politiker plötzlich ihren Sinn für Menschenrechte. Helmut Schümann erinnert an Olympia 2008 in Peking und findet die aktuellen Boykott-Aufrufe "wohlfeil".

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Uefa-Präsident Michel Platini und EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso (r.). Der droht nicht als einziger Politiker damit, dem Turnier fernzubleiben.
Uefa-Präsident Michel Platini und EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso (r.). Der droht nicht als einziger Politiker damit,...Foto: dapd

Der Mann, der bereits vorgestellte, der Mittfünfziger und Brillenträger, hat noch eine weitere Eigenart. Er ist großer Freund des Fußballs. Möge Glücksgöttin Fortuna diesbezüglich immer bei ihm sein. Seit mittfünfzig Jahren lässt er für Fußball nahezu alles stehen und liegen. Aber jetzt muss auch mal Schluss sein.

Jetzt ist es geboten, erst einmal einen Kreis zu bilden, um Julia Timoschenkos zu gedenken. Das reicht aber noch nicht. Also wird der Mann die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine boykottieren. Das machen alle. Oder rufen zumindest dazu auf. Der Gabriel von der SPD, der Kubicki von der FDP, alle von der CDU. Und die Künast von den Grünen fügt noch modische Tipps in die Debatte, demnach sollen unsere Spieler Schals in Orange tragen, der Farbe der ukrainischen Revolution. Ist es nicht schön, dass unsere Politiker so einig und entschlossen sind, wenn es um die Verletzung von Menschenrechten geht?

Dem Mann fällt gerade ein Wort ein, kennt man das eigentlich noch, das Wörtchen „wohlfeil“?

Damals, bei den Olympischen Spielen in Peking, war so ein Boykottaufruf viel teurer, obwohl auch das politische China nicht zimperlich mit den Menschenrechten umspringt und die Haftbedingungen für den ein oder anderen Oppositionellen auch keinen Ponyhof darstellen. Aber kann man deswegen gleich einen vielfachen Geschäftspartner boykottieren? Wahrscheinlich kam deshalb kein Politiker auf die Idee, Olympia in Peking infrage zu stellen oder Chinas Politik zu kritisieren.

Dass die Aufregung jetzt so groß ist, wie sie damals gar nicht war, liegt wahrscheinlich daran, dass Peking Asien ist und viel weiter weg als Kiew in Europa. Zumindest wird die Entfernung gerne als Erklärung für die kollektive Boykottbewegung herangezogen.

Stimmt, denkt sich der Mann, s. o., die Ukraine ist uns ja viel näher als China, räumliche und kulturelle Entfernung spielen ja auch sonst in der globalisierten Welt eine enorme Rolle, fast hätte man’s vergessen. Es stimmt natürlich, dass die Behandlung der Oppositionsführerin Timoschenko scharf zu kritisieren ist, es hat bislang nur noch keiner getan. Übrigens, fällt dem Mann gerade noch ein, die Ukraine steht international ziemlich alleine da, man bringt mit Kritik niemanden gegen sich auf. Und das wirtschaftliche Risiko hält sich auch in Grenzen, die deutschen Exporte in die Ukraine betragen nicht einmal zehn Prozent derer, die nach China gehen. Der Preis ist also klein für ein bisschen Aufplustern als Menschenrechtsvertreter. Billig, billig, wohlfeil eben.

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