Sport : Fußball unter dem Hakenkreuz: Von Olympia nach Auschwitz

Oliver Trust

Das Reisebüro Hirsch liegt mitten in Karlsruhe. Ein Gründerzeitbau mit Schnörkeln. Die Reklamebuchstaben groß und geschwungen. Im Schaufenster bunte Plakate. Nichts deutet auf die bewegende Familiengeschichte hin - ein trauriges Kapitel des deutschen Fußballs. Andreas und Matthias Hirsch, die Besitzer des Reisebüros, sind die Enkel von Julius Hirsch, einem von zwei Juden, die gemeinsam in der deutschen Nationalmannschaft spielten: Julius Hirsch und Gottfried Fuchs. Ihren Großvater lernten die Brüder nie kennen. 1943 hatte Julius Hirsch mit 51 Jahren die letzte Postkarte seines Lebens geschrieben. Am 3. März traf sie in Karlsruhe ein. Als seine Tochter Esther 16 wurde, fuhr Hirsch Auschwitz entgegen.

Aus den Fußballchroniken war er längst entfernt worden, obwohl er 1912 sogar im Olympiateam gestanden hatte. Der linke Läufer, der mit dem Karlsruher FV und der SpVgg Fürth 1910 und 1914 Deutscher Meister geworden war, hatte die letzte Möglichkeit zur Flucht abgelehnt. Ein befreundeter Lokführer wollte ihn ins Ausland bringen. Doch Hirsch glaubte den Berichten über die Vernichtung der Juden nicht. Als die Juden aus den Vereinen gedrängt wurden, hatte er "seinem" KFV geschrieben: "Nicht unerwähnt möchte ich aber lassen, dass es in dem heute so gehaßten Prügelkinde der deutschen Nation auch anständige Menschen und vielleicht noch viel mehr national denkende und auch durch die Tat bewiesene und das Herzblut vergossene deutsche Juden gibt." Wann Hirsch starb, weiß niemand genau. 1950 wird er für tot erklärt. 3450 Mark Entschädigung werden gezahlt. Seine Kinder Esther und Heinold überlebten Theresienstadt.

Die wenigsten Karlsruher wissen etwas über Julius Hirsch. Sein Schicksal wurde in der DFB-Jubiläumsausstellung "Der Ball ist rund" dokumentiert. Der KFV plant ein Gedenken an Julius Hirsch bei den Feierlichkeiten zum 110. Vereinsjubiläum. In Pfinztal bei Karlsruhe gibt es eine Sporthalle, die seinen Namen trägt. Hirsch machte sieben Länderspiele und schoss vier Tore. Doch die Spiele seines Vereins konnte er am Ende nur noch sehen, weil ihn ein Kartenkontrolleur heimlich einließ.

Auch Gottfried Fuchs spielte beim Karlsruher FV. Er ist 1937 nach Kanada geflohen und 1972 dort gestorben. Ihm verdankt der DFB den Rekord von 10 Treffern 1912 beim 16:0 gegen Rußland. In seine Heimat ist Fuchs nie wieder zurückgekehrt. Auch nicht zu Besuch. Als der inzwischen vom Reichs- zum Bundestrainer umfirmierte Sepp Herberger ihn einlud, lehnte Gottfried Fuchs dankend ab.

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