Fußball-WM 2014 in Brasilien : Die Weltmeisterschaft - eine Copa Südamerika

Fünf von sechs Teams des Subkontinents stehen im Achtelfinale. Liegt das am Wetter, an der Mentalität, an der Identität? Eine richtige Erklärung haben nicht mal die Experten.

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Auf den Straßen von Santiago. Nicht nur in Chile gibt es dieser Tage einiges zu feiern.
Auf den Straßen von Santiago. Nicht nur in Chile gibt es dieser Tage einiges zu feiern.Foto: dpa

Cafu heißt eigentlich Marcos Evangelista de Moraes, aber das weiß auch in Brasilien keiner so genau, und was Endspiele bei Weltmeisterschaften betrifft, ist ihm eine gewisse Expertenschaft nicht abzusprechen. Von 1994 bis 2002 stand er mit Brasilien dreimal hintereinander im Finale. Das hat nicht mal Pelé geschafft, und den werden sie in Brasilien bis in alle Ewigkeit als König verehren, obwohl doch die Monarchie schon vor 115 Jahren abgeschafft wurde. Cafu sagt, er glaube ganz fest an Brasilien, „aber auch Argentinien hat eine sehr gute Chance, von Uruguay halte ich viel“, dazu müsse man abwarten, wohin die Entwicklung mit Kolumbien und Chile gehe. Und die Europäer? Deutschland, Frankreich, die Niederlande? Cafu schüttelt den Kopf. „Das ist eine südamerikanische WM, da werden die Europäer keine Rolle spielen.“

Das wird öfter gesagt und geschrieben in diesen Tagen von Brasilien, und die Europäer tun sich schwer damit, dagegen zu argumentieren. Im Gegenteil, sie haben den südamerikanischen Geist ja selbst heraufbeschworen, mit ihrem Gerede von den klimatischen Problemen, von den unerträglichen Bedingungen im Urwald von Manaus, im tropischen Norden oder im feuchten Pantanal-Sumpfgebiet. Es hat in dieser Diskussion eine eher untergeordnete Rolle gespielt, dass für fast alle südamerikanischen Profis die Bedingungen in Brasilien ebenso ungewohnt sind, weil sie im Alltag ihr Geld eben nicht in Südamerika verdienen, sondern im Europa. Und den einzigen naturgegebenen Vorteil, den hat die Fifa den Südamerikanern genommen. Der eher übliche schilfartige Rasen musste einer europäischen Sorte weichen.

Egal, der Respekt vor dem Abenteuer im verwegenen Südamerika hat sich in den ersten zehn Tagen zu dem ausgewachsen, was man eine self-fulfilling prophecy nennt. Es sind die südamerikanischen Mannschaften, die den Ton angeben, so laut und deutlich wie schon lange nicht mehr. Nach neun direkten Duellen in der Vorrunde zwischen Südamerika und Europa steht es 6:2 für die Südamerikaner, ein Spiel endete unentschieden.

Der einzige echte Heimvorteil war der schilfartige Rasen – den hat die Fifa verboten

Die brasilianische Zeitung „O Globo“ schwelgt schon von einem „Clima de Copa America nas Oitavas“, von einem Hauch Südamerika-Meisterschaft im WM-Achtelfinale. Das ist schon mehr als nur eine kleine Renaissance des südamerikanischen Fußballs. 2006 bei der WM in Deutschland war er im Halbfinale nicht mehr dabei und vor vier Jahren in Südafrika nur noch durch das kleine Uruguay vertreten. Dieses Mal haben von sechs südamerikanischen Mannschaften fünf das Achtelfinale erreicht, nur Ecuador musste passen. Eine so gute Rolle spielte Südamerika bisher nur ... genau, bei den Weltmeisterschaften in Südamerika.

Aber das waren andere Zeiten und andere Umstände. 1930, bei der ersten aller Weltmeisterschaften in Uruguay, hatte Europa keine Lust auf die weite Reise, die damals noch mit dem Schiff unternommen werden musste. Das in Italien, England oder Deutschland angesiedelte Establishment blieb zu Hause. Am Ende standen sieben südamerikanische Mannschaften nur vier aus Europa gegenüber, Jugoslawien schaffte es immerhin ins Halbfinale. Zwanzig Jahre später, als die Welt wieder in Südamerika gastierte und zum ersten Mal in Brasilien, hatte Europa andere Sorgen, so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Schotten, Schweizer, Portugiesen, Franzosen und Türken schlugen die Einladung aus, die Deutschen durften noch nicht. Titelverteidiger Italien hatte im Jahr zuvor seine halbe Mannschaft bei einem Flugzeugabsturz verloren. Südamerika spielte den Titel unter sich aus, woran die Brasilianer aber nicht gern erinnert werden, weil ihnen Uruguay im finalen Spiel von Maracana das unvergessene Maracanaço zufügte. Mit einem 2:1-Sieg entführte der kleine Nachbar noch den schon in Sonderausgaben der brasilianischen Zeitungen besungenen WM-Pokal.

1962 in Chile war zwar schon kein südamerikanischer Zauber mehr zu spüren, es war die bis jetzt hässlichste WM mit brutalen Fouls und wenigen Toren. Aber es war die WM, in der die vielleicht beste brasilianische Nationalmannschaft in der Blüte ihres Schaffens stand. Die Seleçao steckte auch den Ausfall ihres Königs Pelé weg, denn sie hatte ja Garrincha, den begnadeten Dribbler, geschlagen mit einem X- und einem O-Bein. Was hätte Europa da ausrichten sollen? 1978 in Argentinien sah das schon ein bisschen anders aus. Die WM stand im Zeichen der Militärdiktatur, die teilnehmenden Mannschaften wurden in ihren Quartieren mehr einkaserniert denn untergebracht. Die Atmosphäre während des gesamten Turniers war unerträglich. Weil der Gastgeber sich im letzten Vorrundenspiel eine Niederlage gegen Italien leistete, musste er in eine gemeinsame Zwischenrundengruppe mit dem Lieblingsfeind Brasilien. Die Argentinier schafften es unter eher dubiosen Umständen mit einem mutmaßlich gekauften 6:0-Sieg über Peru ins Finale, das sie mit ein wenig Glück und erst nach Verlängerung 3:1 gegen die Niederländer gewannen.

Es sind Kleinigkeiten, die den WM-Alltag der europäischen Teams durcheinander bringen

Brasil 2014 wird zwar überlagert von den Manifestaçoes, den Demonstrationen gegen Fifa und Regierung, aber die halten sich bisher im Rahmen. Es sind eher die Kleinigkeiten, die den WM-Alltag der europäischen Mannschaften zuweilen durcheinander bringen. Wenn mal das Klo verstopft ist, die Klimaanlage nicht funktioniert oder der Mannschaftsbus beim Verlassen der Fähre stecken bleibt, ist das für die an den perfekt organisierten Alltag gewöhnten Europäer ein kleiner Kulturschock. Brasilianer, Chilenen oder Kolumbianer aber sind mit solchen alltäglichen Unzulänglichkeiten aufgewachsen und lassen sich davon auch nicht irritieren, wenn sie ein paar Jahre in Italien, Spanien oder England gespielt haben.

Alles ein bisschen dünn als Erklärung für die südamerikanische Dominanz. Carlos Valderrama hat einen anderen Ansatz, auch er konzentriert sich nicht so sehr auf die fußballtechnische Ebene. „Warum die Südamerikaner hier so erfolgreich sind?“ Valderrama, Kapitän der kolumbianischen Nationalmannschaft in den Neunzigern und wegen seiner wasserstoffblonden Starkstromfrisur immer noch auf der ganzen Welt bekannt, holt aus zu einer etwas längeren Erklärung. „Ganz einfach, Amigo: Die Südamerikaner wollen einfach nicht gehen. Sie wollen die Party weiterfeiern, mit ihren Leuten, mit den Argentiniern, Chilenen, Argentiniern, Kolumbianern, aber auch mit Bolivianern, deren Mannschaft gar nicht hier ist. Es gibt eine starke südamerikanische Identität über den Fußball hinaus. Das spüren die Mannschaften, und das ist Teil ihres Erfolgsgeheimnisses. Und deswegen werden zwei südamerikanische Mannschaften das Finale erreichen.“

So kann man das natürlich auch sehen.

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