Fußball-WM der Frauen : Alarm, Mätzchen und Galgenhumor

Am Samstag beginnt das Achtelfinale mit dem Spiel Deutschland gegen Schweden. Bisher konnten nicht alle WM-Favoriten überzeugen. Ein Überblick.

Lukas Kuchen[Vancouver],Inga Radel[Ottawa]
US-Torhüterin Hope Solo (rechts) behauptet sich gegen die Schwedinnen.
US-Torhüterin Hope Solo (rechts) behauptet sich gegen die Schwedinnen.Foto: AFP

Die Vorrunde bei der Fußball-WM der Frauen in Kanada ist beendet. Am Samstag startet das Achtelfinale. Ein Überblick über die bisherigen Leistungen der Favoriten und deren Titelchancen.

DEUTSCHLAND

Die DFB-Auswahl wurde Gruppenerster und schoss 15 Tore. Trotzdem rüttelten Kapitänin Nadine Angerer und Bundestrainerin Silvia Neid das Team nach dem 4:0 gegen Thailand wach. „Denn jetzt geht das Turnier erst richtig los“, sagte Neid. Und Angerer meckert: „Nun kommen die starken Gegner. Wenn wir noch mal so spielen, sind wir raus.“ Das Manko war die Chancenverwertung, in der leichten Gruppe B reichte es zwar locker zum ersten Platz. Neid und Angerer schlugen trotzdem Alarm. Wieder nur eine gute Halbzeit wird im Achtelfinale gegen Schweden nicht reichen. Was dort jedoch für die Deutschen spricht: Sie haben die beste Offensive aller WM-Teilnehmer und die größte Ausgeglichenheit im Kader.

SCHWEDEN

Galgenhumor half ihr noch, sonst wohl nichts mehr. Nigerianische Zeitungen berichteten, Pia Sundhage, die schwedische Nationaltrainerin, würde demnächst das Nationalteam des afrikanischen Außenseiters übernehmen. Ob das stimme, wurde die Welttrainerin von 2012 nach Abschluss der Vorrunde gefragt. Sundhage antwortete mit einem Lächeln: „Nigeria ist zu gut für mich.“ Wie sonst sollte sie reagieren? Am Ende haben es die Schwedinnen nur als Letzte der vier besten Gruppendritten ins Achtelfinale geschafft, mit drei Unentschieden, mehr nicht. Die Weltmeisterinnen von 1995 waren so harmlos wie lange nicht mehr. Und gegen die Deutschen wird Sundhage wohl nicht einmal Galgenhumor helfen.

JAPAN

Die drei minimalistischen Siege in der kaum fordernden Gruppe C gaben kaum Aufschluss über das wahre Potenzial des Weltmeisters. „Der japanische Sturm wird noch aufziehen“, orakelte Japans Trainer Norio Sasaki lächelnd. Als einziger Coach setzte er bereits alle 23 Spielerinnen ein, auch die drei Torhüterinnen. Mittelfeldspielerin Asano Nagasato von Turbine Potsdam betonte, dass für Japan der umstrittene Kunstrasen besser sei: „Das ist gut für unser Kurzpassspiel.“ Wirklich überzeugen konnte der Titelverteidiger bisher jedoch nicht. Und so wird in der K.-o.-Runde wieder viel von der 36-jährigen Homare Sawa abhängen. Schließlich ist es ihr letzter großer Auftritt. Japans Rekordnationalspielerin, Rekordtorschützin und beste Spielerin des Turniers 2011 beendet nach ihrer sechsten WM ihre Karriere.

USA

Dass sie im Fokus stehen, sind sie gewohnt. In Kanada war das nicht anders: Wo die US-Amerikanerinnen spielten, waren wenigstens die Stadien voll. Leichtfüßiger wurden sie dadurch nicht, im Gegenteil: Ihnen gelangen zwei Arbeitssiege und ein 0:0. Immerhin, das Team um Stürmerin Abby Wambach behauptete sich in der starken Gruppe D. Aber lustlos wirkte es, und dass es sich auch in der zweiten Woche noch am Kunstrasen-Thema aufrieb, kam selbst in der Heimat nicht mehr so gut an wie noch vor der WM. In das Achtelfinale kamen die Amerikanerinnen ohne zu überzeugen, andererseits ist für sie die WM-Vorrunde nicht viel mehr als eine Pflichtaufgabe: Das Halbfinale hat das Team seit 1991 immer erreicht.

FRANKREICH

Plötzlich war der Geheimfavorit in Bedrängnis. Nicht gerade vom Aus bedroht, da Außenseiter Mexiko der letzte Gegner war, und dennoch: Dass sich Frankreich einem Endspiel um das Weiterkommen stellen musste, hatten vor der WM die wenigsten erwartet. Die Niederlage gegen Kolumbien war es, die überrascht hatte. Am Ende war es falscher Alarm, mit einem 5:0-Sieg gegen Mexiko wurden die Französinnen noch Gruppensieger. Vielleicht war der Ausrutscher gegen Kolumbien für das starke, international aber noch unerfahrene Team die entscheidende Lektion.

BRASILIEN

Die Diva unter den Nationalteams zeigte sich von ihrer gewohnten Seite. Etwas Show, ein paar Mätzchen, minimalistischer Fußball. 2:0 gegen Südkorea, 1:0 gegen Spanien, 1:0 mit einem B-Team gegen Costa Rica – soweit hatten sie also alles unter Kontrolle. Zudem ist Stürmerin Marta mit ihrem 15. WM-Treffer neue Rekordtorschützin. Nur: Es ist an der Zeit, dass Marta die eigene Karriere endlich krönt. Bisher kann die 29-Jährige als bestes WM-Resultat nur das verlorene Finale 2007 vorweisen. Der Spielplan meint es gut mit den Brasilianerinnen: Im Achtelfinale treffen sie auf Australien.

KANADA

Die Kanadierinnen treffen einfach nicht das Tor. Dem WM-Gastgeber ist in der Vorrunde wenig geglückt. Ein später Treffer von Christine Sinclair zum WM-Auftakt gegen China in der Nachspielzeit brachte den Kanadierinnen den einzigen Sieg, zwei Unentschieden folgten. Nationaltrainer John Herdman fordert „noch etwas Zeit“ für seine Spielerinnen. Nur: Wie viel Zeit bleibt den Kanadierinnen noch? Gegner im Achtelfinale ist die Schweiz, und nach deren 10:1-Sieg gegen Ecuador ist die Ehrfurcht groß. Für den Gastgeber wird das mit Sicherheit der bislang härteste Test.

NORWEGEN

Norwegen hat seine Rolle als Mitfavorit bisher bestätigt. Unter ihrem zurückgeholten Trainer Even Pellerud erlebt das Team einen neuen Aufschwung. Der 61-Jährige ist nicht nur Norwegens Weltmeistercoach von 1995, sondern kennt sich als Kanadas ehemaliger Nationaltrainer (1999 bis 2009) auch bestens im Gastgeberland aus. Gegen Deutschland (1:1) schonte er einige Stammkräfte und konnte in der Gruppe B gut mit Platz zwei leben, der England als wohl leichteren Achtelfinalgegner bescherte. Die Stars des EM-Zweiten sind Solveig Gulbrandsen im Mittelfeld, Torhüterin Ingrid Hjelmseth und die erst 19 Jahre alte Ada Hegerberg.

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