Fußball-WM der Frauen : Bei Annike Krahn steht Erfolg vor Eleganz

Annike Krahn spielt nicht immer schön, aber meist erfolgreich. Mittlerweile ist sie als Abwehrchefin unverzichtbar für das deutsche Nationalteam geworden, das in der Nacht im WM-Halbfinale gegen die USA antritt.

Inga Radel
Vorbildliche Verbissenheit. Annike Krahn (rechts) gewann im Viertelfinale gegen Frankreich mehr als 90 Prozent ihrer Zweikämpfe. Am Mittwoch wird die Bochumerin, die seit 2004 zum Stammpersonal von Bundestrainerin Silvia Neid gehört, 30 Jahre alt. In der Nacht zu Mittwoch können die deutschen Frauen dann auch ins Endspiel einziehen. Foto: AFP/Fife
Vorbildliche Verbissenheit. Annike Krahn (rechts) gewann im Viertelfinale gegen Frankreich mehr als 90 Prozent ihrer Zweikämpfe....Foto: imago/Icon SMI

Eine kleine Nachfrage zu Annike Krahn genügte, um Silvia Neid in Rage zu bringen. „Wehe, es sagt mir noch mal irgendjemand etwas über meine Annike!", drohte die Bundestrainerin halb im Ernst, halb im Scherz vor dem WM-Halbfinale gegen die USA in der Nacht zu Mittwoch (1 Uhr, ARD). Die Abwehrchefin sei gegen Frankreich der Wahnsinn gewesen, „und deswegen spielt sie auch immer“, sagte Neid. „Dass Annike keine grazile Spielerin ist, wissen wir doch, aber das muss sie ja auch nicht mehr werden.“

Die stoische 29-Jährige wies beim Viertelfinalsieg gegen Frankreich 91 Ballkontakte und fast unglaubliche 91 Prozent gewonnener Zweikämpfe auf, es waren die besten Werte in der deutschen Nationalmannschaft. Auf der Internetseite des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wurde sie später auch zur „Spielerin des Spiels“ gewählt – und nicht etwa Torhüterin Nadine Angerer, die ja den entscheidenden Elfmeter pariert hatte. Krahn sagte zu ihrer Ehrung: „Das überrascht mich ehrlich gesagt, weil ich oft von außen kritisiert werde.“ Ein bisschen verletzt, das ließ sich an der Aussage erkennen, war die gebürtige Bochumerin dann doch über die immer wiederkehrende Kritik an ihr.

Krahn spaltet die Fans

Silvia Neid jedenfalls lässt nichts auf ihre Abwehrchefin kommen. Diese gehört zu den sechs Nationalspielerinnen, die seit dem U-19-Weltmeistertitel 2004 von Neid trainiert werden. Krahn allerdings spaltet die deutschen Frauenfußballfans. Ihre Kritiker bemängeln fehlende Schnelligkeit, ihre oft hölzern wirkenden Bewegungen und ihr fast nur aus langen Bällen bestehendes Aufbauspiel.

Schwedens Nationalspielerin Caroline Seger stichelte vor dem Achtelfinale, das Innenverteidiger-Duo Krahn und Saskia Bartusiak sei langsam. „Von mir aus. Aber Annike ist immer da, sie hat irgendwie immer einen Fuß dazwischen“, sagte Neid. „Was sie da wegholt und abläuft und wie sie die Mannschaft von hinten organisiert, das ist echt klasse. Auf sie kannst du dich hundertprozentig verlassen.“ Ebenso verteidigte die Kapitänin Nadine Angerer ihre Innenverteidigung als „sehr smart“. Auch 2013 bei der EM in Schweden war es schon so, dass die beiden sich im Turnierverlauf in Topform spielten. Im Halbfinale in Montréal wird Neid voraussichtlich wieder die zuletzt gelbgesperrte Bartusiak an Krahns Seite stellen, auch wenn Babett Peter ihren Job gegen Frankreich ebenfalls gut erledigt hatte.

Schnörkellos auch im Interview

Mit einem Sieg gegen die USA könnte sich die 122-fache Nationalspielerin Krahn, die am Mittwoch 30 Jahre alt wird, auch ein schönes Geburtstagsgeschenk machen. Allzu gefühlsduselig würde sie das Ganze aber nicht angehen. Krahn-Zitate in der Interviewzone sind stets so schnörkellos wie nach dem Frankreich-Spiel: „Sie sind selber schuld, wenn sie ihre Chancen nicht reinmachen. Da kann ich ihnen auch nicht helfen. Klar war es letztlich glücklich. Aber das ist mir auch egal“, sagte sie.

Was man Krahn gegen ihr Naturell nicht so zugetraut hätte, verriet Alexandra Popp während des Turniers: Die Diplom-Sportwissenschaftlerin Krahn hat im Nationalteam die Rolle der sogenannten Kleiderfrau. Sie bestimmt täglich, welche der Trainingsoutfits die Spielerinnen in welchen Kombinationen einheitlich tragen.

Aus Heimatverbundenheit zieht es Krahn nach der WM vom Champions-League-Finalisten Paris Saint-Germain zum Bundesligisten Bayer Leverkusen. Wohl auch, weil sie nach drei Jahren in Paris zuletzt nicht mehr so glücklich war. Selbst Teamkollegin Josephine Henning, die bei der Weltmeisterschaft in Kanada nur auf der Bank sitzt, erhielt bei PSG den Vorzug.

Wie lange Annike Krahn in der Nationalmannschaft noch diesen unantastbaren Status hat, lässt sich freilich schwer sagen. Neids designierte Nachfolgerin Steffi Jones, selbst einst Innenverteidigerin mit dem Luxus, zuvor noch als Libero gespielt zu haben, gilt nicht gerade als ihr Fan. Gut möglich also, dass Krahn zusammen mit Neid nach Olympia 2016 im Nationalteam aufhört.

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