Fußball-WM der Frauen : Marta: Die Umwerfende

Sie kann am Ball fast alles, nur der große Erfolg fehlt ihr noch: In Kanada will Brasiliens Stürmerin Marta ihre Karriere nun mit dem ersehnten WM-Titel krönen.

Lukas Kuchen
Fokussiert. Marta ist guter Dinge in Sachen WM-Titel.
Fokussiert. Marta ist guter Dinge in Sachen WM-Titel.Foto: dpa/Gunther

Sie ist die Schöne. Die Graziöse. Die Umwerfende. Ist sie am Ball, geht meist ein Raunen durch das Publikum. Sie zieht die Fans in ihren Bann. Oft trägt sie dabei ein Lächeln im Gesicht. Sie ist aber auch: das Biest. Die Kratzbürstige, Unangenehme. Sie kann austeilen, wenn es sein muss, hinterlistig sein. Auf dem Platz. Und unnahbar daneben. Scheu, vorsichtig, abweisend. Sie ist: Marta. Marta Vieira da Silva. Superstar des Frauenfußballs. Fünffache Weltfußballerin zwischen 2006 und 2011. „Pelés Cousine“, hieß eine Doku über sie im schwedischen Fernsehen.

Wie der weltberühmte Landsmann hat die 29-jährige Brasilianerin einen großen Einfluss auf die Entwicklung ihrer Sportart. Es verdient auch kaum eine so gut wie die Stürmerin, die in ärmlichen Verhältnissen ganz im Osten des Landes aufgewachsen ist. Eine halbe Million Euro pro Saison, so wird kolportiert, soll sie bekommen. Weil sich das im Frauenfußball eigentlich kein Klub leisten kann, kommen Privatsponsoren dafür auf. Eine Win-Win-Situation: Der schwedische Verein Umea IK wurde auch deshalb weltberühmt, weil er für Marta die erste Station in Europa war. Selbstbewusst sagte sie vor ein paar Jahren: „Mit meinem Spiel kann die Popularität des Frauenfußballs wachsen. Ich kann beweisen, dass man auch als Frau schönen Fußball spielen kann.“

Jetzt bei der Weltmeisterschaft in Kanada ist sie mit Brasilien wieder auf Kurs. Individuell erst einmal: Ihr ist in der Vorrunde ihr 15. WM-Tor gelungen. Damit hat sie eine andere große Spielerin überflügelt: Birgit Prinz. Nur: Während die Deutsche zweifache Welt- und fünffache Europameisterin geworden ist im Laufe ihrer langen Karriere, wartet Marta noch auf einen großen Titel mit dem Nationalteam. Südamerikameisterin ist sie zwar zweimal geworden mit Brasilien. Aber was zählt das auf einem Kontinent, auf dem das Gefälle dermaßen riesig ist? Einerseits der WM-Mitfavorit Brasilien, andererseits Ecuador, das in der Vorrunde 17 Gegentreffer kassierte.

Darum ist es der WM-Titel, den Marta in Kanada anstrebt – im Achtelfinale treffen die Brasilianerinnen am Sonntag auf Australien (19 Uhr/live im ZDF). Bei Kräften sollte Marta jedenfalls sein. Schließlich wurde sie im dritten Vorrundenspiel geschont. Die Australierinnen sind wohl nicht im Vorbeigehen zu besiegen. In der stärksten WM-Gruppe D mit den USA, Schweden und Nigeria belegten sie hinter den Amerikanerinnen Platz zwei.

Der Titel wäre für Marta die Krönung einer Karriere, die bereits mit 14 Jahren begonnen hat. Mit 16 wechselte sie zu Umea, ohne zu wissen, wo das überhaupt liegt. Sie wusste nur: Es liegt in Europa. Dass die Kleinstadt 300 Kilometer vom Polarkreis entfernt ist und in Nordschweden ein Klima herrscht, das mit Brasilien rein gar nichts zu tun hat, fand sie dann aber früh genug heraus. Kühl ist es im Sommer und unwirtlich im Winter, doch Marta sagt: „Fußball war mir einfach wichtiger als die klimatischen Umstände.“

Marta ist Opportunistin, wo sie ihre Chance wittert, da will sie hin. Als in den USA im Jahr 2009 der nächste Versuch unternommen wurde, eine Frauen-Profiliga aufzubauen, da war Marta als einer der ersten Transfers bekannt. Sie wechselte zu Los Angeles Sol, wurde aber nicht glücklich. Der FC Gold Pride in Kalifornien sowie Western New York waren weitere Teams auf ihrer Nordamerika-Tour, die dann abrupt zu Ende war, weil die Liga nach vier Jahren schon wieder aussetzte. Marta kehrte nach Schweden zurück. Erst zu Tyresö FF, inzwischen spielt sie beim FC Rosengard.

In Schweden hat sie endgültig eine zweite Heimat gefunden – in der sie sich sogar verständigen kann. Sie weiß nun, wo sie hingehört: nach Schweden und nach Brasilien. Sie ist eine Pendlerin mit klaren Zielen. „Natürlich können wir Weltmeister werden“, sagt Marta. „Ich jedenfalls glaube an uns.“

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