Sport : Fußball-WM Nummer zwei

Die Weltmeisterschaft der geistig Behinderten beginnt in Deutschland – mit prominenten Unterstützern wie Podolski, Völler und Daum

Annette Kögel

Berlin – Vom kollektiven deutschen Fußballglück während der Weltmeisterschaft 2006 hat Andreas Timm nicht viel mitbekommen. „Ich konzentriere ich mich auf mein Training“, sagt der 31-jährige Kreisklassenkicker vom ESV Essen-Frillendorf. Er hat sich intensiv auf die zweite Fußball-WM in Deutschland vorbereitet: Die Weltmeisterschaft der geistig Behinderten. Gestern stieg die Eröffnungsfeier in der ausverkauften Kölnarena.

An der WM des Deutschen Behindertensportverbandes beteiligen sich bis zum 17. September 16 Nationalteams – auch in Saudi Arabien, Mexiko und Südkorea haben Teams die Koffer gepackt. Wichtiger als Torwarttrainer und Physiotherapeuten sind da manchmal die ehrenamtlichen Betreuer: Kicker wie der deutsche Kapitän Guido Skorna lassen mitunter ihre Sporttaschen stehen oder können sich nicht mehr daran erinnern, auf welchem Sportplatz nochmal das Training stattfand. Wer bei der WM gemeldet wird, darf beim Intelligenztest auf keinen Fall einen höheren IQ-Wert als 75 erreichen. Auch Verhaltensauffälligkeiten und Lernbehinderungen sind Voraussetzung. Aber eben auch jede Menge Gefühl im Fuß. „An einem guten Tag spielen wir auf Verbandsliganiveau“, sagt Nationaltrainer Willi Breuer, auch Mitarbeiter einer Behinderteneinrichtung in Essen.

Aus seiner Zeit als Jugendtrainer beim 1. FC Köln kennt er viele Protagonisten der anderen, großen WM, die jetzt diese Weltmeisterschaft unterstützen. „Dass es eine WM für Menschen mit geistiger Behinderung gibt, finde ich geil“, sagt etwa Lukas Podolski, früher Kölner, jetzt beim FC Bayern München. Für ihn war Willi Breuer damals „nicht nur Jugendtrainer, sondern Freund“. Leverkusens früher Manager Reiner Calmund bemüht sich während der 48 WM-Spiele in 41 Städten in Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt darum, „dass der eine oder andere Sponsor noch die Schatulle aufmacht“, wie Breuer sagt. 1,8 Millionen Euro beträgt der Etat der Fußball-WM Nummer zwei. Einige große Unternehmen sind schon Förderer; es gibt zudem Zuschüsse vom Bundesministerium des Innern, von Stiftungen, von der Aktion Mensch. Ex-Bundestrainer Rudi Völler ließ seinen Fuß für die Ewigkeit als Skulptur gießen, die Versteigerung ergab 5000 Euro für die Mannschaftskasse.

Kanzlerin Angela Merkel war schon da, Bundespräsident Horst Köhler und Alt-Kanzler Gerhard Schröder wollen ins Stadion kommen. Und noch einen Gast erwartet sie mit Spannung: Christoph Daum. Der Proficoach will den geistig behinderten Spielern als Assistenztrainer in der Umkleidekabine den letzten Motivationsschub geben. Die Kicker müssen ohnehin alles doppelt und dreifach trainieren, damit es sitzt. „Früher war ich oft recht eigensinnig“, sagt Spieler Andreas Timm, „aber jetzt denke ich mir oft: Junge, was hast du geschafft – du spielst für Deutschland.“

Noch aber sind die deutschen Behindertenspieler weit entfernt von Verhältnissen wie in England, wo die fußballverrückten Heimbewohner, Mitarbeiter von Behindertenwerkstätten, aber auch Auszubildenden in der Privatwirtschaft zur Profi-Football-Association gehören und entsprechende Wertschätzung genießen. Das deutsche Team geht als WM-Vierter ins Turnier, bestreitet das Eröffnungsspiel am Dienstag in der MSV-Arena in Duisburg gegen Japan (WDR überträgt), und will einer Partie gegen Weltmeister England aus dem Wege gehen. Alles fast wie bei Jürgen Klinsmann.

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