1:0 in Russland : Deutschland fährt nach Südafrika

Mit dem 1:0 gegen Russland qualifiziert sich die deutsche Nationalmannschaft für die WM 2010 in Südafrika. Miroslav Klose schoss das Siegtor - "ein Klassetor", befand Bundestrainer Joachim Löw.

Sven Goldmann[Moskau]
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Die deutsche Mannschaft jubelt nach dem 1:0. -Foto: dpa

Moskau war kalt, und im kommenden Juni wird es nicht viel wärmer sein, doch wen interessierte am Samstag schon, dass die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 im südafrikanischen Winter stattfinden wird? Deutschland wird dabei sein bei dieser ersten WM auf dem afrikanischen Kontinent. Das vorentscheidende Qualifikationsspiel gewann die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw 1:0 (1:0) gegen Russland. Es war ein dramatischer Abend im eisigen Moskau. Torhüter René Adler zeigte eine Weltklasseleistung und der von Löw überraschend aufgebotene Verteidiger Jerome Boateng flog bei seinem Länderspieldebüt vom Platz. Zehn deutsche Spieler retteten den Sieg über die Zeit.

72.000 Zuschauer im ausverkauften Luschniki-Stadion hatten sich vergeblich die Kehlen aus dem Hals gebrüllt. Nur zu zwei Gelegenheiten waren sie ganz still: Nach dem Schlusspfiff und in jener 35. Minute, nach dem Tor des Abends. Miroslav Klose schoss dieses Tor, aber die Urheberschaft durften Mesut Özil und Lukas Podolski für sich beanspruchen. Der kleine Özil, ohnehin einer der Besten auf dem Platz, spielte erst meisterhaft Doppelpass mit Podolski, ließ sich im Strafraum nicht irritieren, täuschte aus spitzem Winkel einen Schuss an und legte doch zurück auf den mitgespurteten Klose. Der tat, was ein Torjäger (der er zuletzt ja eher selten war) tun muss: Halb im Fallen stolperte der Münchner den Ball ins Tor. „Ein Klassetor“, befand Bundestrainer Löw, und ein bisschen war daran auch der viel diskutierte Kunstrasen schuld. Kurz vor dem Anpfiff hatten die Russen das Spielfeld noch einmal gewässert, so dass der Ball so scharf und schnell in Kloses Fuß rutschte, dass dieser über Optionen wie Stoppen oder Dribbeln gar nicht nachdenken konnte. Wer weiß, was sonst passiert wäre.

In seiner Entstehungsgeschichte war diese Führung beinahe ein russisches Tor. Entstanden aus dem Nichts, ermöglicht durch dramatische Tempoverschärfung. Genauso machen es die Russen am liebsten, bevorzugt über ihren Kapitän Andrej Arschawin. Der Mann vom FC Arsenal hielt sich gestern lange zurück, aber als er dann einmal Tempo aufgenommen hatte, gewann das russische Spiel an Gefährlichkeit. „So einen Mann kannst du nie ganz ausschalten“, sagte Löw.

Arschawin trieb die Russen an zu neuer Spielfreude, und darunter hatte vor allem Jerome Boateng zu leiden. Der Hamburger gab ausgerechnet im wichtigsten Spiel des Jahres sein Debüt in der Nationalmannschaft. Boateng machte seine Sache als rechter Verteidiger lange gut – bis ihn der wieselflinke Arschawin nach einer halben Stunde im vermeintlich diffusen Mittelfeld narrte. Boateng lief ins Leere, Arschawin spielte steil auf Wladimir Bystrow, der nur noch Torhüter René Adler vor sich hatte. Mit dem Fuß verwehrte der Leverkusener den Russen das Führungstor.

In dieser Phase häuften sich die russischen Chancen. Ein Freistoß von Juri Schirkow strich knapp über die Latte, und dann waren da noch die vielen Flankenläufe von Wladimir Bystrow auf der linken Seite, die Jerome Boateng zu verantworten hatte. Einmal nahm er ihm auf zwanzig Metern im Spurt knapp zehn Meter ab. Boateng stürzte hinterher und holte Bystrow haarscharf an der Strafraumgrenze von den Beinen. Dafür gab es die Gelbe Karte, es war der Vorbote für den späteren Platzverweis. „In der Pause hab ich ihm noch gesagt, er soll nicht mit so hohem Risiko spielen“, sagte Löw. „Er muss nicht jeden Zweikampf mit einer Grätsche gewinnen, gerade auf Kunstrasen ist es wichtig, auf den Beinen zu bleiben. Aber daraus wird er lernen.“

Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, den nervösen Debütanten zur Pause aus dem Spiel zu nehmen. Boateng war der einzige Schwachpunkt in einer sonst sehr guten Verteidigung. Der russische Druck wurde in der zweiten Halbzeit zwar stärker, aber die Deutschen hielten stand, mit viel Laufarbeit im Mittelfeld, taktischer Disziplin im Abwehrverhalten und einem Torhüter Adler, der bei Chancen von Kerschakow, Bystrow und Arschawin wie ein Derwisch durch die Luft flog. Angriff um Angriff bedrohte die Führung. Und doch hätten die Deutschen beinahe wieder auf russische Art nachgelegt. Özils Schuss überraschte den lange Zeit beschäftigungslosen Torhüter Igor Akinfejew, doch der Ball prallte an die Latte. Zwanzig Minuten waren noch zu spielen, als Boateng erneut gegen Bystrow zu spät kam, und das wieder ganz knapp vor dem Strafraum. Der Platzverweis war folgerichtig.

Löw reagierte, nahm Özil aus dem Spiel und brachte Arne Friedrich als vierten Verteidiger. Die Russen drückten weiter, und kurz vor Schluss wäre es beinahe noch schief gegangen. Wladimir Bystrow wand sich im deutschen Strafraum um Arne Friedrich, der Berliner ließ das Bein stehen, und das direkt vor den Augen von Schiedsrichter Massimo Busacca. Der Schweizer holte aus zur dramatischen Geste, aber es war nicht der ausgestreckte Zeigefinger Richtung Elfmeterpunkt, sondern ein abwiegelndes Überkreuzen beider Arme. Kein Foul, weiterspielen. Fünf Minuten später war Schluss, und die Deutschen liefen jubelnd zu den mitgereisten Fans, sie skandierten „Auswärtssieg, Auswärtssieg!“ Da waren die enttäuschten Russen schon längst in der Kabine.

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