Fußball-WM : Am Ende noch einmal schweben

Der niederländische Kapitän Giovanni van Bronckhorst kann heute seine Karriere mit dem WM-Titel beenden – wenn er seine ehemaligen Kollegen bezwingt

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Das Konfetti saust durch die Luft, das Blitzlicht der Fotografen gewittert, während er den Pokal in die Luft stemmt. Weltmeister! So oder ähnlich hat sich Giovanni van Bronckhorst das sicher schon ein paar Mal vorgestellt. „Es ist ein Jungentraum, im letzten Spiel der Karriere Weltmeister zu werden“, sagt der Kapitän der holländischen Nationalmannschaft. Er hat bei der WM 1998 nicht eine Minute mitmachen dürfen, bei der WM 2002 war seine Auswahl nicht qualifiziert, bei der WM 2006 schieden sie viel zu früh aus. Aber jetzt kommt sein größtes Spiel ganz zum Schluss: ein WM-Endspiel. Gegen gute alte Bekannte. „Für mich ist das eine wundervolle Konstellation“, sagt van Bronckhorst. „Ich habe mit vielen Spaniern ja noch zusammengespielt und eine besondere Beziehung zu ihnen.“ Nach der WM wird er Assistenztrainer der niederländischen U 21 und als Nachwuchscoach bei Feyenoord angestellt.

Bis vor kurzem bestand die Gefahr, dass kaum jemand Notiz davon nehmen könnte, dass er abtritt. Nicht mal die Heimat hatte sich wirklich für ihren braven Verteidiger links hinten in der Viererkette interessiert, der zwar die knallgelbe Kapitänsbinde trägt und wirklich lieb lächeln kann, aber dem eine gewisse Intimsphäre heilig ist: Privates mit seiner Anvertrauten Marieke geht niemanden etwas an. Wie er lebt, so spielt er auch. Unaufgeregt und unspektakulär. Eine Alternative im Kader gibt es für Bondscoach Bert van Marwijk nicht – der beim FC Bayern durchgefallene Edson Braafheid ist keine. Van Bronckhorst ist auf seiner Position nicht so flink wie Philipp Lahm, nicht so hart wie der Portugiese Fabio Coentrao oder nicht so dynamisch wie der Engländer Ashley Cole. Die Statistik sagt, dass er die meisten Zuspiele von Nebenmann Joris Mathijsen bekommt – die meisten Bälle passt er auch dorthin. Das klingt nicht nur wenig aufsehenerregend – das ist es auch. Die Nummer fünf hat von 540 möglichen WM-Minuten 540 gespielt. Und dabei einen Torschuss abgegeben. Halblinks versetzt weit weg von der Strafraumgrenze. Aus 37 Metern. Und dieser einzige Versuch war drin. Zum 1:0 gegen Uruguay.

„Mit diesem Tor begannen wir zu schweben“, sagte er nach dem Halbfinale. Zuvor hatte er Uruguays traurigen Kapitän Diego Forlan getröstet. Erst dann ging er pflichtgemäß zum Feiern. So ein Profi ist für jeden Trainer ein Volltreffer. Deshalb hat ihn damals auch Frank Rijkaard mit zum FC Barcelona genommen. Die Katalanen wurden damals von den Niederländern dominiert; im Camp Nou riefen ihn alle nur „Gio“, weil der Nachname im Spanischen schlichtweg unaussprechlich ist.

„Mein Vorname mag einige verwirren, aber es fließt kein italienisches Blut in meinen Adern“, erklärt er, „es war einfach so, dass meine Mutter den Namen gern mochte.“ Er hat eine molukkische Mutter, der Vater ist ein nach Rotterdam eingewanderter Indonesier. Früh landete der Filius in der Talentschmiede von Feyenoord. Erst setzte er sich dort, später bei den Glasgow Rangers durch. Mit dem Wechsel zum FC Arsenal 2001 tauchten größere Stoppschilder auf. Erst ein Kreuzbandriss, dann ging unter Arsène Wenger die Lieblingsposition und der Stammplatz verlustig.

Er flüchtete nach Barcelona. Dass er 2006 die Champions League ausgerechnet gegen Arsenal gewinnen sollte, galt als innere Genugtuung für den Gerechtigkeitsfanatiker. Doch das ist ja nichts gegen die Aussicht, heute mit der begehrten Trophäe im Konfettiregen und Blitzlichtgewitter im Mittelpunkt zu stehen. Nur noch ein Mal.

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