Argentinien : Bei Maradona wird Intuition zur Taktik

Kaum ein Team irrte bei der WM so unorganisiert über den Platz wie Argentinien gegen Deutschland – vielleicht liegt es daran, dass Diego Maradona nicht viel von Organisation hält.

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Diego Maradona.
Diego Maradona.Foto: dpa

Es ist schon ein Kreuz mit den Deutschen. Da glaubt man, sie zu kennen und hat den Sieg schon halb geplant, da rennen sie einfach nach vorn, schießen ein Tor und die ganze schöne Taktik nutzt nichts mehr. Und dann sehen sie auch noch alle gleich aus. Zum Beispiel dieser Torschütze, Diego Maradona hat ihn eindeutig identifiziert als Arne Friedrich, „mit der ersten Ballberührung macht Friedrich gleich das Tor, und wir sind nicht mehr ins Spiel gekommen“.

So hat der director tecnico der argentinischen Nationalmannschaft nach dem Viertelfinale erzählt, und die mit ihm aufs Fröhlichste verfeindeten Reporter schauten mindestens so entgeistert zu ihm hinüber, wie sie vorher das Spiel verfolgt hatten.

Friedrich hat auch ein Tor geschossen am Samstag in Kapstadt, aber es war keineswegs das erste und erst recht kein entscheidendes. Gewisse physiognomische Parallelen zwischen dem Verteidiger Arne Friedrich und dem Mittelfeldspieler Thomas Müller sind nicht von der Hand zu weisen, auch die Rückennummern 3 und 13 ähneln einander, aber das war es auch schon. Mit dem Müller hat es der Maradona ja ohnehin nicht. Beim Testspiel Anfang März in München hielt er ihn für einen besseren Autogrammjäger und mochte beim Pressegespräch nicht neben ihm Platz nehmen. Später nannte er ihn „diesen deutschen Spieler, den ich nicht kannte“, und daran hatten anscheinend auch Müllers drei WM-Tore vor dem Viertelfinale nichts geändert, auf die er gegen Argentinien schnell noch ein viertes nachlegen durfte.

WM 2010: Deutschland zerlegt Argentinien
Ein Traum: Nach dem beeindruckenden Sieg gegen Argentinien spielt Deutschland um den Titel.Weitere Bilder anzeigen
1 von 34Monage-Tsp
03.07.2010 15:23Ein Traum: Nach dem beeindruckenden Sieg gegen Argentinien spielt Deutschland um den Titel.

Die Geschichte mit Thomas Müller lässt erahnen, wie die Mannschaftssitzungen bei den Argentiniern so abgelaufen sind in den vergangenen Wochen. Vor dem Hintergrund einer maradonaesken Spielvorbereitung dürfte Franz Beckenbauers „Geht’s raus und spielt’s Fußball“ den Status höherer Fußball-Mathematik erlangen. So unorganisiert wie am Samstag die Argentinier ist bei der Weltmeisterschaft in Südafrika keine andere Mannschaft über den Platz geirrt, mal abgesehen von den Nordkoreanern beim 0:7 gegen Portugal, aber deren Potenzial ist auch ein anderes. Argentinien vereinte in seinem Kader so viel individuelle Qualität wie kaum eine andere Nation. Dass so wenig dabei herauskam – tja, an wem könnte das wohl liegen?

Sein taktisches Konzept fasste Diego Maradona zusammen in einem Halbsatz: „Angreifen, immer nach vorn, den Gegner überrennen.“ Dagegen ist nichts einzuwenden, nur praktizierten die Argentinier diesen Stil nicht mal im Ansatz, sie konnten es auch gar nicht in dieser personellen Zusammensetzung. Maradona stellte seine Mannschaft nach einem nur ihm geläufigen Prinzip der Intuition auf. Den Innenverteidiger Gabriel Heinze stellte er auf die linke Außenposition, was dessen Schnelligkeitsdefizit noch betonte. Der brave Defensivmann Javier Mascherano war überfordert mit der ihm zugedachten Aufgabe, den Nachschub für die Stürmer Carlos Tevez und Gonzalo Higuain zu organisieren.

Hinter Tevez und Higuain sollte Lionel Messi eine Art hängenden Mittelstürmer spielen. Weil kaum ein Ball den Weg in seinen Fuß fand, verlor der Weltstar schnell die Lust an diesem Job. In Barcelona bereiten Xavi und Iniesta das Feld für Messi, in der Nationalmannschaft musste er sich den Ball selbst hinter der Mittellinie holen, was den Deutschen nur recht sein konnte, weil sie ihn im Niemandsland problemlos zu zweit oder dritt attackieren und damit fair aus dem Spiel nehmen konnten. Nach dem Spiel soll Messi in der Kabine geweint haben. So hat es Maradona erzählt, denn Messi selbst verweigerte jeden Kommentar.

Andere waren weniger zurückhaltend. Auch, wenn es um Diego Maradona ging und dessen Zukunft. Bei seiner Bestellung zum Trainer der Nationalmannschaft hatten sie noch alle die unvergleichliche Aura des Auserwählten gepriesen. In Kapstadt nun sagte Carlos Tevez, es sei „nicht meine Sache, über eine Weiterverpflichtung oder Entlassung von Maradona zu reden. Das muss er ganz allein entscheiden“. Gabriel Heinze drückte sich noch einen Ton distanzierter aus: „Man muss sich ein bisschen Zeit nehmen zum Nachdenken, dann kann man entscheiden, wie es weitergehen soll.“

Die argentinische Tageszeitung „Clarin“ kommentierte süffisant, in Südafrika hätten die Spieler den Glauben an den Weihnachtsmann verloren. „Sie haben erlebt, dass Maradona keine göttliche Gestalt ist, sondern ein Mensch aus Fleisch und Knochen. Einer, der keinen Plan vom Spiel hat, keine Philosophie, keine Überzeugungen und keine Botschaften, um die Weltmeisterschaft zu gewinnen.“ In einer spontanen Onlineumfrage gleich nach dem Spiel ermittelte „Clarin“ ein Patt zwischen Befürwortern und Gegnern Maradonas.

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