Ballacks Verletzung : Nationaler Notstand oder Glücksfall?

Michael Ballacks Aus für die WM in Südafrika ist ein schwerer Verlust für die deutsche Mannschaft. Doch nicht immer haben sich Verletzungen wichtiger Spieler negativ auf das deutsche Spiel ausgewirkt.

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Die Beschimpfungen, mit denen Kevin- Prince Boateng nach seinem Foul an Michael Ballack im Internet bedacht wird, reißen nicht ab. Noch immer ist die Entrüstung über Boatengs Tat groß. Deutschland, das Land der ewigen Führungsspieler, wird nach der Attacke bei der Fußball-Weltmeisterschaft ohne seinen Kapitän auskommen müssen. Noch nie, so scheint es, traf der Ausfall eines Spielers die Nationalelf härter. Diese Wahrnehmung hängt auch damit zusammen, dass die deutsche Nationalmannschaft meist von großen Verletzungen weitgehend verschont blieb. Nur selten musste der Bundestrainer eine zentrale Figur kurzfristig ersetzen. Hier ein Überblick über größere Verletzungen wichtiger Spieler vor Welt- oder Europameisterschaften. Nicht immer wirkten sie sich am Ende so negativ aus wie zunächst befürchtet.

Klaus Fischer 1980

Kunstschütze Klaus Fischer, vor allem bekannt durch seine spektakulären Fallrückzieher, galt als bester deutscher Stürmer der späten Siebzigerjahre. Vor der Europameisterschaft 1980 ruhten die deutschen Hoffnungen auf dem Torjäger von Schalke 04. Jedoch zog sich der damals 30-jährige Fischer wenige Monate vor dem Turnier einen Schienbeinbruch zu und fiel aus. Trainer Jupp Derwall bot statt Fischer den Hamburger Horst Hrubesch und den jungen Düsseldorfer Klaus Allofs im Sturmzentrum auf. Allofs wurde mit drei Treffern EM-Torschützenkönig, und Hrubesch erzielte beim 2:1-Finalsieg über Belgien beide Treffer.

Lothar Matthäus 1992

Lothar Matthäus
Lothar MatthäusFoto: dpa

Nachdem sich Lothar Matthäus am 12. April gegen den AC Parma das Kreuzband gerissen hatte, saß der Schock tief. Matthäus war als amtierender Weltfußballer die bestimmende Figur in der Nationalmannschaft, damals spielte er noch im zentralen Mittelfeld. Nach dem Fall der Mauer und der Eingliederung der Spieler aus der DDR herrschte auf dieser Position mit Matthias Sammer, Thomas Doll, Andreas Möller, Thomas Häßler und Stefan Effenberg zwar ein großes Angebot, doch Matthäus’ Klasse erreichte niemand.

Bundestrainer Berti Vogts entschied sich dafür, die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen. Matthäus’ zentrale Mittelfeldposition übernahm fortan Stefan Effenberg, davor teilten sich Thomas Häßler und Matthias Sammer in Abwechslung mit Andreas Möller die Rolle des Spielgestalters. Das Experiment missglückte, das Team verlor im Finale gegen Außenseiter Dänemark mit 0:2. Nach Matthäus’ Ausfall fehlte es dem deutschen Spiel an einer Führungspersönlichkeit, die in kritischen Phasen das Spiel an sich riss. Effenberg oder Sammer waren dazu noch nicht in der Lage.

Jens Nowotny und Sebastian Deisler 2002

Jens Nowotny am Boden.
Jens Nowotny am Boden.Foto: dpa

Vor der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea war Teamchef Rudi Völler in keiner beneidenswerten Position. Der Mannschaft wurde nach den dürftigen Leistungen in den Jahren zuvor nur wenig zugetraut, und dann fielen mit Jens Nowotny und Sebastian Deisler auch noch zwei wichtige Stützen des Teams verletzt aus – unmittelbar vor Turnierbeginn. Völler schwante Übles, da Nowotny „als Abwehrchef mein verlängerter Arm auf dem Spielfeld ist“, wie der Teamchef sagte. Franz Beckenbauer empfahl via „Bild“-Zeitung sogar, den „nationalen Notstand“ auszurufen.

Völler reagierte, indem er Carsten Ramelow anstelle von Nowotny ins Abwehrzentrum beorderte und sich im Mittelfeld für eine kompakte Variante mit fünf Spielern (Torsten Frings, Dietmar Hamann, Christian Ziege, Bernd Schneider und Michael Ballack) entschied. Am Ende hatte Völler Erfolg: Deutschland wurde völlig unerwartet Vizeweltmeister.

Sebastian Deisler 2006

Außer Gefecht. Sebastian Deisler
Außer Gefecht. Sebastian DeislerFoto: ddp

Vier Jahre später ereilte Sebastian Deisler noch einmal das gleiche Schicksal. Im März 2006 musste er für die WM aufgrund eines Knorpelschadens im Knie vorzeitig absagen. „Das ist ein Riesenverlust für uns alle“, sagte Bayerns Manager Uli Hoeneß. Deislers Platz übernahm sein Münchener Kollege Bastian Schweinsteiger – einer der späteren Protagonisten des Sommermärchens in Deutschland.

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