Dettmar Cramer : "Warum so ungeduldig?"

Dettmar Cramer, "Fußball-Professor" und ehemaliger Cheftrainer des FC Bayern München, spricht im Interview über das schwache Niveau der bisherigen WM-Spiele. Oder ist das Niveau gar nicht so schwach?

Dettmar Cramer
Dettmar CramerFoto: ddp

11 Freunde: Herr Cramer, warum ist die WM bislang so furchtbar langweilig?

DETTMAR CRAMER: Das muss Ihre Berufskrankheit als Journalist sein: keine Geduld zu haben. Ich warne Sie hiermit ausdrücklich davor, sich nach der ersten Runde ein Urteil über die Weltmeisterschaft zu bilden.

11 Freunde: Aber die ersten Spiele waren doch alles andere als berauschend.

DETTMAR CRAMER: Sie sagen es: die ersten Spiele. Die Mannschaften haben doch alle gar nicht genügend Zeit gehabt, sich anständig auf dieses Turnier vorzubereiten. Brasilien hatte 1970 nicht weniger als 20 Wochen!

11 Freunde: Trotzdem: Wie kann es sein, dass der amtierende Weltmeister Italien gegen Paraguay so ein schauriges Spiel abliefert?

DETTMAR CRAMER: Das ist doch nichts Neues. 1982 in Spanien haben die Italiener in der Vorrunde zwei Tore geschossen und kein Spiel gewonnen. Und was ist passiert? Die Mannschaft ist Weltmeister geworden.

11 Freunde: Dennoch: Warum spielen bisher so viele Teams übervorsichtig?

DETTMAR CRAMER: Wissen Sie, es gibt im Fußball nur drei wichtige Situationen: Wenn die eigene Mannschaft in Ballbesitz ist. Wenn der Gegner den Ball hat. Und der kurze Moment, wenn der Ball den Besitzer ändert. Es gab mal diesen Werbespruch: „Mach mal Pause.“ Viele Mannschaften in Südafrika machen momentan noch genau diesen Fehler, wenn sie den Ball bekommen. Verstehen Sie, was ich meine?

11 Freunde: Hoffentlich. Kann es nicht auch an den modernen Systemen liegen ...

DETTMAR CRAMER: Systeme! Das Wort ist eine Erfindung der Journalisten. Vincente Feola, der Weltmeistertrainer von 1958 und Erfinder des 4-2-4, wurde gefragt: „Sagen sie doch bitte was zu Ihrem System.“ Feola antwortete: „Ich weiß beim besten Willen nicht, was Sie meinen.“

11 Freunde: Verstehen Sie die Brasilianer, die sich über die Kälte beklagen?

DETTMAR CRAMER: Vollkommen. 1974 in Deutschland regnete es wie aus Eimern. Dann kam plötzlich die Sonne raus. Die Brasilianer sind aus ihren Betten gekrochen, tanzten und sangen. Pelé kann ganz wunderbar Gitarre spielen. Und am Dienstag? Eiseskälte, Handschuhe und lange Trikots – da fehlt den Spielern die Lust am Fußball. Und ohne Lust geht nun einmal überhaupt nichts.

Das Gespräch führte Alex Raack.

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