Deutsche Halbfinalspiele : Wunder und Wasserschlachten

Zum zwölften Mal seit 1934 steht die Nationalmannschaft bei einer WM unter den letzten vier. Wir erinnern an frühere Halbfinalspiele, an heldenhafte Niederlagen und dramatische Siege.

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Im Halbfinale 1970 gegen Italien gelingt Karl-Heinz Schnellinger der Ausgleich.
Im Halbfinale 1970 gegen Italien gelingt Karl-Heinz Schnellinger der Ausgleich.Foto: dpa

1934 in Rom

Deutschland – Tschechoslowakei 1:3

Beim ersten Mal ist es für die Deutschen fast wie heute: Sie reisen mit einem extrem jungen Kader zur WM nach Italien, niemand erwartet etwas, ganz bestimmt nicht im Halbfinale gegen die Tschechoslowakei, einen der großen Favoriten auf den Titel. Doch die Deutschen überzeugen vor nur 15 000 Zuschauern vor allem spielerisch. Und wer weiß, was passiert wäre, wenn Torwart Willibald Kreß bei zwei der drei Tore von Oldrich Nejedly nicht gepatzt hätte? So kann der junge Stürmer Rudi Noack nur zum 1:1 ausgleichen. Für die Tschechoslowaken ist es nicht nur ein sportlicher, sondern auch ein politischer Triumph. Ihr Stürmer Antonin Puc sagt: „Das symbolische Hakenkreuz auf den deutschen Trikots hat uns gereizt wie ein rotes Tuch den Stier.“

1954 in Basel

Deutschland – Österreich 6:1

Heribert Meisel vom ORF erlebt am 30. Juni 1954 eine dunkle Stunde – nicht nur für den österreichischen Fußball. Ihm passiert etwas, was einem Radioreporter eigentlich nicht passieren darf. „Ich bin sprachlos“, sagt Meisel. Da haben die Deutschen gerade das vierte ihrer sechs Tore erzielt. „Österreich war immer unser Angstgegner. Und dann putzen wir die mit 6:1 weg“, erinnert sich Linksaußen Hans Schäfer, der bei diesem Wunder von Basel das 1:0 erzielte. Die Presse ist begeistert. „Deutsche Elf so gut wie nie“, schreibt die „Bild“-Zeitung. Und der „Kicker“ jubelt: „Die Zuschauer haben gelacht und gejohlt, wie sicher, trickreich, witzig, einfallsreich die Deutschen ihren Rivalen deklassierten, spieltechnisch, nicht kämpferisch.“

1958 in Göteborg

Schweden – Deutschland 3:1

Eigentlich ist es nur Fußball, das 58er- Halbfinale aber führt zu ernsten Verstimmungen zwischen Deutschen und Schweden. Exemplarisch sei die „Saar-Zeitung“ zitiert, die über den Hass eines Volkes klagt, „dem man das Schnapstrinken verbieten muss, weil es sonst zu einem Volk von maßlosen Säufern würde“. Und das alles, weil die schwedischen Zuschauer 90 Minuten lang „Heja, heja, Sverige!“ rufen und die Stimmung aufgeheizt ist. Hans Schäfer, Schütze zum 1:0, fühlt sich an „die Geräuschkulisse für ein Grusical“ erinnert, und Fritz Walter meint „die Flammen des Fanatismus“ zu erkennen. Nach einer Stunde, beim Stand von 1:1, verliert Erich Juskowiak die Nerven. Für eine Tätlichkeit fliegt er vom Platz. Da auch Fritz Walter nur noch humpelt und Wechsel nicht erlaubt sind, müssen die Deutschen die Partie mit neuneinhalb Spielern zu Ende bringen. In der Schlussphase kassieren sie noch zwei Tore. Der Traum von der Titelverteidigung ist ausgeträumt.

1966 in Liverpool

Deutschland – Sowjetunion 2:1

Fußball in Zeiten des Kalten Krieges, das freut die „Bild“-Zeitung. „Stürmt, stürmt, dann wackeln auch die Iwans“, schreibt sie am Tag des Halbfinales gegen die Sowjetunion. In der Tat stürmen die Deutschen, und hätte der 37 Jahre alte Torhüter Lew Jaschin nicht einen glänzenden Tag erwischt, hätte die Mannschaft von Bundestrainer Helmut Schön wohl schon zur Pause uneinholbar in Führung gelegen. So aber heißt es durch ein Tor von Helmut Haller nur 1:0. Und obwohl die Deutschen nach einem Platzverweis gegen Tschislenko fast die komplette zweite Hälfte in Überzahl spielen und Franz Beckenbauer auf 2:0 erhöht, wird es nach Porkujans Anschlusstreffer kurz vor Schluss noch einmal spannend. „Die Deutschen stolperten förmlich ins WM-Finale“, schreibt der „Daily Telegraph“.

1970 in Mexiko-Stadt

Italien – Deutschland 4:3 n. V.

Ein Spiel für die Geschichte. Es läuft die letzte Minute, verzweifelt rennen die Deutschen dem frühen Rückstand hinterher, und dann trifft Karl-Heinz Schnellinger vom AC Mailand zum 1:1 gegen Italien. „Ausgerechnet Schnellinger, werden die Italiener jetzt sagen“, sagt Fernsehkommentator Ernst Huberty, ein Meister der Emotionslosigkeit. Der Satz fräst sich ins kollektive Gedächtnis, genauso wie die halbe Stunde, die in der Mittagshitze des Aztekenstadions nun noch folgt. Nach 90 eher trägen Minuten kommen 30, die unvergesslich bleiben: 2:1 durch Gerd Müller, 2:2, 2:3, wieder Müller zum 3:3 und dann die Entscheidung durch Rivera. Fünf Tore in der Verlängerung machen das Halbfinale zum Jahrhundertspiel. Ein mexikanischer Fernsehreporter prophezeit noch unter dem Eindruck der Ereignisse: „Man wird im Aztekenstadion eine Gedenktafel anbringen, auf der Italien und Deutschland steht und das Datum vom 17. Juni 1970. Aber man wird kein Ergebnis nennen, denn das Spiel hatte keinen Sieger und keinen Besiegten.“

1974 in Frankfurt am Main

Polen – Deutschland 0:1

Formal handelt es sich gar nicht um ein Halbfinale, sondern nur um das letzte Spiel der zweiten Finalrunde. Doch weil beide Mannschaften gegen Schweden und Jugoslawien gewonnen haben, ist es de facto ein Halbfinale – mit dem Handicap für die Polen, dass sie gewinnen müssen, während den Deutschen dank der besseren Tordifferenz ein Unentschieden zum Einzug ins Endspiel reicht. Die Begegnung geht als Wasserschlacht von Frankfurt in die Geschichte ein: Der Platz erinnert nach einem Wolkenbruch an eine Seenplatte. Die Deutschen profitieren davon, dass die Polen wider alle Vernunft an ihrem Kurzpassspiel festhalten – und dass Sepp Maier im deutschen Tor einen der besten Tage seiner Karriere erlebt. Nachdem Uli Hoeneß kurz nach der Pause einen Elfmeter verschossen hat, erzielt Gerd Müller eine Viertelstunde vor Schluss das 1:0 – wer sonst?

1982 in Sevilla

Deutschland – Frankreich 8:7 n. E.

Der Thriller von Sevilla gehört zu den wohl aufregendsten Spielen der Fußballgeschichte. Schon die Konstellation ist Stoff für ein Drama. Auf der einen Seite die Franzosen, die mit Platini, Giresse und Tigana die Fantasie zu beflügeln vermögen. Auf der anderen die Deutschen, die sich irgendwie durch das Turnier gemogelt haben. Am Ende siegt das Böse, das an diesem Abend vor allem von Toni Schumacher verkörpert wird. Deutschlands Torhüter schickt Patrick Battiston mit einem Hüftcheck in Kopfhöhe zu Boden. Für die Franzosen kann das Spiel, nicht nur wegen dieser Szene, kaum schlimmer laufen. In letzter Sekunde der regulären Spielzeit trifft Amoros nur die Latte, in der Verlängerung führt Frankreich 3:1 – am Ende aber gewinnen die Deutschen im ersten Elfmeterschießen der WM-Geschichte.

1986 in Guadalajara

Frankreich – Deutschland 0:2

Das Drama Gut gegen Böse wird vier Jahre später fortgeschrieben. Die Franzosen sind Europameister, im Viertelfinale haben sie in einem legendären Spiel Brasilien ausgeschaltet, doch vor den Deutschen haben sie – Angst. „Der französische Fußball hatte damals einen Komplex mit dem deutschen Fußball“, erinnert sich Frankreichs Stürmer Yannick Stopyra. Andreas Brehme bringt die Deutschen mit einem Freistoß früh in Führung, in letzter Minute trifft Rudi Völler nach einem Konter zum 2:0. „Ein Wunder“, titelt die „Bild“-Zeitung. Deutschland hat zum fünften Mal das Finale erreicht, sehr zur Überraschung von Teamchef Franz Beckenbauer. „Stell dir das mal vor, Berti“, sagt er am Abend vor dem Endspiel zu seinem Assistenten Berti Vogts. „Mit dieser Trümmertruppe stehen wir im Finale. So schlecht ist der Fußball geworden.“

1990 in Turin

Deutschland – England 5:4 n. E.

Vier Jahre später hat Beckenbauer seine Ansicht grundlegend geändert. „Ich liebe diese Mannschaft“, verkündet der Teamchef nach dem Einzug ins Finale. Seit der WM 1986 hat er sich ein Team geschaffen, das seinen Vorstellungen vom Fußball endlich gerecht wird und das sich auf seinem Weg zum Titel von nichts und niemandem abbringen lässt. Auch nicht von den Engländern, die sich in Turin als gleichwertiger Gegner erweisen. Wieder erzielt Andreas Brehme das 1:0, wieder per Freistoß. Erst kurz vor Schluss trifft Lineker zum 1:1. Doch das kann die Deutschen ebenso wenig beirren wie Waddles Pfostenschuss in der Verlängerung. Dann machen wir es eben im Elfmeterschießen.

2002 in Seoul

Deutschland – Südkorea 1:0

Von Herzen geliebt haben die Deutschen Michael Ballack nie. Warum eigentlich nicht? Im Halbfinale der WM 2002 hat er alles getan, um sich unsere Zuneigung zu erwerben. Zwanzig Minuten vor Schluss – es steht noch 0:0 – eröffnet sich den Koreanern eine aussichtsreiche Konterchance. Vier Rote gegen drei Deutsche, das wird gefährlich. Ballack eilt hinterher, er grätscht von hinten, er trifft den Ball nicht – und er weiß, was das bedeutet: Gelbe Karte, die zweite im Turnier, eine Sperre fürs nächste Spiel. Dass das nächste Spiel das Finale wird, verdanken die Deutschen allein Michael Ballack. Vier Minuten nach seinem Foul trifft er zum 1:0, nach dem Abpfiff sitzt er heulend in der Kabine. Rudi Völler, Deutschlands Teamchef, wird später noch oft sagen: „Ich würde das Finale gerne noch einmal mit Michael Ballack spielen.“ Ohne ihn verlieren die Deutschen 0:2 gegen Brasilien.

2006 in Dortmund

Deutschland – Italien 0:2 n. V.

Ob Jürgen Klinsmann das Halbfinale 2006 wohl gerne noch einmal mit Torsten Frings spielen würde? Frings ist bei der WM im eigenen Land der Siegfried der deutschen Mannschaft – doch gegen Italien fehlt er gesperrt, weil ihm nachträglich eine Beteiligung an der Schlägerei nach dem Viertelfinalsieg gegen Argentinien nachgewiesen wurde. So entstehen Verschwörungstheorien. Und tragische Helden. Als die Deutschen aufs Elfmeterschießen schielen, trifft Fabio Grosso ihnen mit seinem Schlenzer mitten ins Herz, Alessandro Del Piero erhöht kurz darauf auf 2:0. Michael Ballack weint – als ahnte er schon, dass er in seiner Karriere kein WM-Finale mehr bestreiten würde.

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