Deutschland machtlos : Schon wieder von Spanien schwindelig gespielt

Im Halbfinale gegen Deutschland zelebriert der Europameister den lang erwarteten Dominanzfußball. Statt einer deutschen Revanche für das EM-Finale 2008 finden die Spanier rechtzeitig ihre Top-Form.

Tim Jürgens
Einfach zu schnell. Der Spanier Pedro (l.) war für die Deutschen nicht zu halten, auch nicht von Sami Khedira.
Einfach zu schnell. Der Spanier Pedro (l.) war für die Deutschen nicht zu halten, auch nicht von Sami Khedira.Foto: AFP

Siegertypen sehen anders aus. Wer Vicente del Bosque für gewöhnlich am Spielfeldrand stehen sieht, die Hände tief in die Taschen seiner Steppjacke gestülpt, der melancholische Blick, die hängenden Lider, der aus der Mode gekommene Schnäuzer, vermutet eher einen ausrangierten Amateurcoach als den Boss des technisch versiertesten Ensembles der Fußballwelt. Doch der Eindruck täuscht: Nach dem 1:0 (0:0)-Sieg steht Spanien zum ersten Mal im WM-Finale.

Dass del Bosque und sein Team für diesen Abend Besonderes geplant hatten, signalisierte der Mann aus Kastilien allein damit, dass er seine schmucklose Steppjacke für den Auftritt in Durban gegen einen schicken Anzug getauscht hatte.

Auch seine Mannschaft zeigte sich von Beginn an von ihrer besten Seite. So hatte man das spanische Team bei dieser WM noch nicht gesehen. Blitzschnelles Kombinationsspiel im Mittelfeld. In wechselnden Kombinationen bildeten wahlweise Xavi, Andres Iniesta und Sergio Busquests auf rechts, dann wieder Xavi, Xabi Alonso und David Villa auf halblinks Dreiecke, die sich mit elegantem One-Touch-Fußball nach vorne verschoben und das deutsche Team im Mittelfeld schwindelig spielten. Sturmspitze Villa und der für den formschwachen Fernando Torres ins Team gekommene Pedro standen der deutschen Abwehr ständig auf den Füßen. Die DFB-Elite brauchte lange, bis sie einen Weg fand, sich aus dieser Umklammerung zu befreien.

Ein Mann wie ein Baum. Spaniens Trainer Vicente del Bosque.
Ein Mann wie ein Baum. Spaniens Trainer Vicente del Bosque.Foto: AFP

Das kampfbetonte Spiel der Spanier hinten gepaart mit einer einzigartigen spielerischen Klasse vorne sorgten dafür, dass die DFB-Kicker mitunter gar nicht wussten, wie ihnen geschah. Auf deutscher Seite häuften sich die Fehlpässe, lange sah es aus, als säße hier das zitternde Kaninchen vor der sich hungrig nähernden Schlange.

Del Bosque hatte mit der Nominierung von Pedro nicht nur den siebten Spieler vom FC Barcelona in die Mannschaft gebracht. Er hatte offenbar auch einen Trumpf gespielt. Denn der Linksaußen belebte das Offensivspiel Spaniens, das bei dieser WM bislang vollständig auf die Abschlussstärke von David Villa vertraut hatte. Pedro rochierte pausenlos von einem Flügel zum anderen und brachte damit die deutsche Deckung in arge Zuordnungsschwierigkeiten. Besonders Jerome Boateng hatte seine liebe Mühe, wenn Pedro und der dauerstürmende Rechtsverteidiger Sergio Ramos über seine Seite kamen. Lange fühlte sich der Zuschauer an das EM-Finale 2008 erinnert, in dem Spanien die Löw-Truppe einer besonders eindrucksvollen Machtdemonstration unterzogen hatte. Doch die junge deutsche Mannschaft war ein wenig weiter als das Team von vor zwei Jahren. Sie fand phasenweise Wege, sich aus diesem Milieu der engen Räume und schwindelerregend schnellen Spielzüge zu befreien. Als del Bosque Mitte der zweiten Halbzeit wieder seinen Mantel übergeworfen hatte, gewann das deutsche Spiel an Sicherheit. Es entwickelte sich ein intensives Match, ohne dass Deutschland zu mehr als einer zwingenden Chance durch Toni Kroos kam.

Del Bosque hatte vor dem Spiel gesagt: „Wenn wir früher gegen Deutsche spielten, schien das ein anderer Menschenschlag zu sein.“ Eine Anspielung auf das sonst eher kampfbetonte Spiel. Er setzte hinzu: „Das hat sich erfreulicherweise verändert.“Die Freude über das Spiel seines Teams wird am Ende jedoch ungleich größer gewesen sein. Spanien zeigte sich von seiner besten Seite, als es darauf ankam – wie del Bosque. Am Sonntag gegen Holland müssen sie es nun wiederholen.

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