Deutschland vor dem Viertelfinale : Bissig gegen Argentinien

Vor dem Viertelfinale stichelt die deutsche Nationalelf gegen den Gegner. Tagesspiegel-WM-Reporter André Görke vermutet dahinter einen Plan: Die Argentinier sollen sich reizen lassen – und heute im Spiel ihre taktische Ordnung verlieren.

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Bastian Schweinsteiger hat die Argentinier ein wenig provoziert.
Bastian Schweinsteiger hat die Argentinier ein wenig provoziert.Foto: dpa

Yeah! Bastian Schweinsteiger lacht, reißt die die Arme hoch und klatscht rhythmisch in die Hände. Geht echt ins Blut, dieser afrikanische Shosholoza-Gesang. Mit einem Tänzchen hinter dem Kabinentrakt, wo die gut gelaunten WM-Volunteers ein Spalier bildeten und so schön spontan sangen, haben sich die deutschen Fußballnationalspieler eingestimmt auf das WM-Viertelfinale gegen Argentinien.

Ein bisschen Lockerheit ist ja auch nötig, zu bissig waren die Grußbotschaften, die die Deutschen den werten Nachbarn über die Hotelmauer geschickt hatten. Die Argentinier, die in Pretoria ebenfalls ihr WM-Quartier haben, hörten erst Schweinsteigers Worte („Wie sie gestikulieren und versuchen, den Schiedsrichter zu beeinflussen – das gehört sich nicht, das ist respektlos“), dann die des Kapitäns Philipp Lahm, der ebenfalls noch einmal die Prügelszenen zwischen beiden Mannschaften nach dem WM-Viertelfinale 2006 ins Gedächtnis rief: „Wir wissen, dass die Südamerikaner sich sehr impulsiv und temperamentvoll verhalten und nicht wirklich verlieren können.“ Und am Freitag mischte dann auch Bundestrainer Joachim Löw mit. Das muss gesessen haben, denn nicht nur Maradona ließ sich zu dem Spielchen hinreißen und giftete zurück: „Bist du nervös, Schweinsteiger?“

Der verletzte Kapitän Michael Ballack wird sein Team gegen Argentinien unterstützen.
Der verletzte Kapitän Michael Ballack wird sein Team gegen Argentinien unterstützen.Foto: dpa

Nervöse Deutsche? Das mag der erste Reflex sein. Nun ist aber nicht davon auszugehen, dass die Wortführer der Nationalmannschaft ganz doof sind und Aussagen mal eben so daherplappern. Nicht ohne Grund erfreut sich der „Trash-Talk“ gegen temperamentvolle Fußballer auf dem Platz so großer Beliebtheit, das ist auf jedem Bolzplatz in der Kreisliga genauso wie bei einer Weltmeisterschaft: Reize sie, lenke sie ab, dann verlieren sie die Lust an der Ordnung und schenken die Aufmerksamkeit lieber dem gegnerischen Spieler. Schon gegen England hatten die Deutschen unterschwellig eine psychologische Taktik gewählt, wenn auch eine andere: Wiege sie in Sicherheit, mit freundlichem Gesäusel und ganz viel Lob. Wie dieser Nachmittag verlief, ist bekannt.

Für das Spiel gegen Argentinien ist der zuletzt geschonte Mesut Özil wieder bei Kräften (Löw: „Vielleicht hat ihm ein Tag weg vom Ball gut getan“), auch der über eine Muskelverletzung klagende Lukas Podolski stand am Abend im Training auf dem Platz und hinterließ einen guten Eindruck. Sogar Cacau stieg nach einer Woche Pause wieder ins Teamtraining ein. Schiedsrichter in Kapstadt ist Rawschan Irmatow aus Usbekistan, mit 32 Jahren der zweitjüngste bei dieser WM. Er pfiff auch das Eröffnungsspiel. Sieben deutsche Spieler sind mit einer Gelben Karte vorbelastet und wären bei einer weiteren im Halbfinale gesperrt.

Die Nationalmannschaft hat in Kapstadt nun auch Unterstützung erhalten von ihrem verletzten Kapitän Michael Ballack, der es selbst auch versteht, auf dem Platz zu sticheln (was bekanntermaßen ein böses Foul des Herrn Kevin-Prince B. zur Folge hatte). Ballack, 33, checkte, stilecht im schwarzen DFB-Dress, gemeinsam mit allen 23 Fußballern im Hotel Southern Sun ein und traf sich gleich nach dem Abendessen mit Kapitän Lahm und Bundestrainer Joachim Löw. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird in Kapstadt von der Mannschaft erst nach Abpfiff erwartet – „hoffentlich mit Glückwünschen“, wie Lahm sagt.

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