DFB-Team : Massives Mittelfeld

Mit einem Systemwechsel probte Bundestrainer Löw für das WM-Qualifikationsspiel im Oktober in Moskau – Miroslav Klose blieb deshalb erstmals seit fünf Jahren zunächst auf der Bank.

Stefan Hermanns[Leverkusen]
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Beifall vom Kapitän. Michael Ballack gefällt die neue Taktik.Foto: AFP

Auf einer Exzessivitätsskala von eins bis zehn erreichte der Jubel nach Miroslav Kloses Selbsteinschätzung allenfalls einen mittleren Wert. Bei der WM zum Beispiel habe er seine Vorlage zu Lukas Podolskis Tor sogar mit einem Salto gefeiert. Den Jubel nach Mesut Özils Tor zum 2:0-Endstand für die deutsche Nationalmannschaft gegen Südafrika hielt Klose folglich für nicht der Rede wert. Man kann das ruhig anders sehen. Nachdem Özil den akkurat gepassten Ball ins Tor befördert hatte, ballte Klose seine Fäuste, ein mächtiger Schrei folgte. „Ich hab mich für Mesut gefreut, weil er ein sehr gutes Spiel gemacht hat“, sagte der Münchner. Selbstlosigkeit ist so etwas wie Kloses zweiter Vorname, doch diesmal dachte er ausnahmsweise auch an sich: „Ich freu mich auch ein bisschen für mich selbst, dass wieder bessere Zeiten kommen.“

Bleierne Wochen liegen hinter Miroslav Klose. Sein Wert ist zuletzt schneller verfallen als der Kurs der Arcandor-Aktie: vom einzigen Weltklassestürmer deutscher Nation zum Angreifer Nummer vier, fünf oder sogar sechs bei seinem Arbeitgeber Bayern München. Vor einer Woche, im Duell mit dem Meister Wolfsburg, saß er 90 Minuten lang auf der Bank, weil Trainer Louis van Gaal nach der Umstellung auf ein 4-3-3-System nur noch einen zentralen Stürmer benötigte und sich für Mario Gomez entschied. Gegen Südafrika musste Klose nun ebenfalls zunächst draußen bleiben, zum ersten Mal seit fünf Jahren. Wieder spielte Gomez. Und auch in diesem Fall war Klose ein Opfer des Systems.

Assistent Flick hielt den Versuch für gelungen

Bundestrainer Joachim Löw hatte sich gegen das gewohnte 4-4-2 entschieden und das zentrale Mittelfeld um einen dritten, offensiven Spieler verstärkt. Nach amtlicher Verlautbarung handelte es sich um ein 4-3-3-System mit Marin und Schweinsteiger als Außenstürmern, der Unterschied zum 4-2-3-1 war mit bloßem Auge allerdings kaum zu erkennen. Darauf kam es auch gar nicht an. „Wir wollten ein Signal setzen“, sagte Löw, „auch spielerisch – weil es zuletzt nicht so harmonisch lief.“

Sein Assistent Hans-Dieter Flick bezeichnete den Versuch später als gelungen: „Fürs erste Spiel können wir zufrieden sein.“ Doch neu ist diese Variante nicht. Schon im EM-Viertelfinale 2008 gegen Portugal hatte sich Löw für eine entsprechende Formation und damit die Abkehr vom bevorzugten 4-4-2 entschieden – auch auf sanften Druck aus der Mannschaft, vor allem von Michael Ballack. „Die Spiele, die wir in der Vergangenheit mit fünf Spielern im Mittelfeld bestritten haben, sahen immer ganz gut aus, vor allem defensiv“, sagte der Kapitän der Nationalmannschaft. „Der eine oder andere hat ruhiger am Ball gewirkt. Vielleicht lag das auch ein bisschen am System: dass wir besser gestanden haben.“

Die offizielle Sprachregelung lautet, dass Trainer und Mannschaft lediglich eine weitere taktische Option eingeübt hätten. Weitere Ansprüche leiteten sich daraus nicht ab. In Wirklichkeit aber steckt mehr dahinter. Mit einem massiven Mittelfeld lassen sich vor allem stärkere Gegner besser bekämpfen, zu dieser Kategorie zählt Südafrika, die Nummer 73 der Welt, ganz sicher nicht. Joachim Löw hat bereits das Qualifikationsspiel in Moskau gegen Russland im Kopf, so entschieden er das auch dementieren mag. Michael Ballack jedenfalls sprach nach dem Testlauf seine Hoffnung aus, „dass der Trainer neue Erkenntnisse gewonnen hat, was die taktische Ausrichtung angeht“. Zudem wisse Löw, „wie, wo und wann wir unsere guten Spiele gemacht haben. Der Trainer ist erfahren genug.“

Ballack ist der entschiedenste Befürworter eines Systemwechsels. Ihm liegt es, „wenn ich vor mir noch eine Nummer zehn als Anspieler habe“. Jemanden wie Mesut Özil, „der wendig ist, die Bälle hält, schleppt und verteilt“. Das Angriffsspiel bekam in der Tat eine neue Struktur, mehr Klarheit, weil die Anspielpunkte besser über das Feld verteilt waren. Zumindest in der zweiten Halbzeit waren direkte Kombinationen zu sehen, weil die Südafrikaner die Passwege nicht mehr blockieren konnten.

Gomez musste das Training abbrechen

In der zweiten Halbzeit stand auch Miroslav Klose auf dem Platz – für Mario Gomez, den Torschützen zum 1:0. Eine generelle Hierarchie soll sich aus dieser Abfolge noch nicht ableiten lassen, vorerst gelten beide Angreifer als gleichberechtigt. Aber was heißt das schon in der Praxis, wenn es nur einen Platz für zwei gibt? Mario Gomez erzielte ein Tor, Miroslav Klose überzeugte im Kombinationsspiel und als Vorbereiter. „Ich habe schon im Training gemerkt, dass Miro kommt“, sagte Joachim Löw. „Im Spiel hatte ich dann das Gefühl, dass er seine Power und Schnelligkeit wiederkriegt.“ Dass Klose am Mittwoch gegen Aserbaidschan auch seinen Platz im Sturm wiederkriegt, ist zumindest nicht ausgeschlossen. Mario Gomez musste gestern wegen Kniebeschwerden das Training abbrechen.

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