DFB-Trainingslager : "Ich sehe jetzt die Mannschaft!"

Die deutsche Nationalmannschaft bereitet sich in Südtirol auf die Fußball-WM vor. Die Fans bekommen die Spieler kaum zu sehen, denn Zuschauer müssen draußen bleiben. Eine Fanreportage vom DFB-Trainingszentrum.

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Was tut man nicht alles für einen Blick auf die Mannschaft.
Was tut man nicht alles für einen Blick auf die Mannschaft.Foto: dpa

Was für ein Postkartenpanorama: Keine Wolke schwebt am Himmel über dem Fußballplatz der Nationalmannschaft, am Horizont sind die Berge zu sehen und die Wälder, die Sonne scheint, es sind fast 30 Grad. Doch plötzlich: ein Schrei. Und noch einer! Am Gittertor neben dem Wirtshaus kommt es zu Tumulten. Dicht gedrängt stehen dort die Fans - und mittendrin die Sicherheitskräfte. Gibt's Ärger? Ach wo, nicht hier im Südtiroler Idyll. Die Ordner verteilen nur Autogrammkarten der Nationalspieler. Und das Stückchen Papier ist heiß begehrt.

Viel mehr bekommen die Fans ja auch nicht zu sehen von ihrer Mannschaft, die sich hier in Südtirol auf die WM vorbereitet. Der Fußballplatz bleibt verborgen hinter einem 2,50 Meter hohen Sichtschutz. "Ich verstehe die Geheimhaltung nicht", ruft Horst, 64, aus dem Wald herüber. Er ist auf eine kleine Bank geklettert, klammert sich am Zaun fest und kann so immerhin die Nase rüberschieben. Vor 20 Jahren, bei der Vorbereitung auf die Fußball-WM 1990 in Italien, sei er auch hier in Eppan gewesen, "und da haben die nicht so ein Tamtam gemacht". Er wolle doch nur den Lukas Podolski sehen, er ist Kölner, FC-Fan, "natürlich!" Auch das Ehepaar Vogt aus Heilbronn steht irritiert im Wald. Ein Geheimtraining können die ja nicht jeden Tag veranstalten, sagt Frau Vogt, "da sind doch überall Reporter - die übertragen doch alles". Aber gut, dann eben nicht, "wir machen jetzt weiter Urlaub". Als andere Fans schließlich in die Bäume klettern, um über den Zaun aufs Spielfeld gucken zu können ("Ich sehe jetzt die Mannschaft!"), greifen die Ordner ein und scheuchen Fans aus dem Gestrüpp.

Die Anlage am Waldrand, nur wenige Kilometer vom DFB-Hotel entfernt, besteht aus drei Fußballfeldern. Der Rasenplatz, auf dem die Deutschen trainieren, hat eine kleine Tribüne für etwa 600 Menschen, im Wirtshaus gibt es eine Toilette, kurzum: Die Sportanlage ist nur bedingt auf einen Fanansturm vorbereitet. Wurden die Fans vergessen bei der Vorbereitung? "Nein", sagt ein DFB-Sprecher. "Wir haben es auch nicht unterschätzt. Wir finden es ja auch bitter, wenn Kinder nicht reinkommen". Man wolle noch einmal "abschließend" diskutieren, ob die Zuschauer einmal das Gelände besuchen dürfen. Viel Hoffnung müssen sich die Fans nicht machen, das sagen auch Polizisten. "Wenn wir hier alle rauflassen würden, spricht sich das schnell herum. Dann hätten wir einen Rückstau die ganze Weinstraße runter - bis zur Autobahn nach Bozen." Mit mehreren tausend Fans müsse man ja rechnen, das hat die Vergangenheit gezeigt: In Düsseldorf kamen einmal zum öffentlichen Training der Nationalmannschaft mehr als 40.000 Zuschauer. Sollen die alle zwischen den Weinreben parken?

Wirt und Vereinspräsident Roland Larcher
Wirt und Vereinspräsident Roland LarcherFoto: André Görke

Hinterm Trainingsplatz, im kleinen Wirtsraum, steht Roland Larcher, 52, und wischt über seinen trockenen Zapfhahn. "Ich habe jetzt zwei Wochen Ferien", sagt er und lacht. Larcher ist Präsident des örtlichen Neuntligisten und bedient sonst die Fußballfreunde am Platz mit Speck-Stullen, kaltem Bier und Grauburgunder, das hätte er auch gerne jetzt serviert, aber seine Stube liegt nun mal in der Sicherheitszone - und auf der anderen Seite des Zauns stehen die Durstigen. An der Wand hängen Wimpel vom HSV und von Bayern München, verblichene Fotos an der Wand zeigen Franz Beckenbauer, wie er 1990 seine Fußballer über den Platz scheucht. "Damals gab es keinen Sichtschutz, da standen die Fans einfach am Hang", sagt Larcher. Doch die Zeiten ändern sich, der Ansturm würde viel massiver sein, das verstehe er ja. Eine Tribüne für 2500 Zuschauer wollte er mit seinem Klub noch errichten lassen, "aber das hätte uns 30.000 Euro gekostet". Nichts zu machen also, jetzt bleibt die Küche kalt. Und auch die 50 Kinder aus der Jugendabteilung, die eigentlich mal aufs Gelände sollten, bleiben draußen.

Larcher schaut aus dem Fenster, direkt auf das Tor, wo es vorhin zu Tumulten kam. Ein paar Nationalspieler stehen jetzt dort und kritzeln auf die Autogrammkarten. Die Spieler lachen, die Kinder auch, immerhin. Und in zehn Tagen kehrt auch bei Larcher das Leben wieder ein, so lange muss er seinen einzigen Gast bewirten: seinen Sohn. Der ist hier in Eppan der Platzwart.

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