Ein Krake für alle : Martenstein fordert: Der Oktopus muss Bundeskanzler werden

Der Oktopus hat mehr Ahnung als der Mensch: Harald Martenstein merkt am Ende der WM, dass er langsam unkonzentriert wird. Dass er im Endspiel für Holland war, hat damit aber rein gar nichts zu tun.

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Das war eindeutig. Oktopus Paul sieht Spanien als Weltmeister. Harald Martenstein ist trotzdem für Holland - aus gutem Grund.
Das war eindeutig. Oktopus Paul sieht Spanien als Weltmeister. Harald Martenstein ist trotzdem für Holland - aus gutem Grund.Foto: ddp

Auch während des Spieles um Platz drei hatte ich echte Konzentrationsprobleme. Ich bewunderte die Teilnehmer umso mehr. Irgendwann hat man vom Fußball doch einfach mal genug, man will auch mal was anderes. Der Ball ist hier, der Ball ist dort. Steilpass, Tor, Anstoß. Es war dieses Gefühl, dass man auch im Skiurlaub nach einer Woche Skilaufen bekommt. Man weiß zwar noch, wie heiß man am ersten Tag auf die erste Abfahrt gewesen ist, aber das ist nun lange her, und das spürt man.

Dass Bastian Schweinsteiger keine Lust auf noch einen Empfang auf noch einer Fanmeile hatte und lieber möglichst schnell in Urlaub fährt, sollte man ihm nicht übel nehmen.

In Kapstadt wohnte ich in einer Pension, die Deutschen gehörte. Sie war sehr teuer, sie verlangten das Geld im Voraus, und es gab zum Frühstück keine Eier, sondern nur Marmelade und Käse. Ein Südafrikaner erzählte, dass die Deutschen bei seinen Landsleuten in dem Ruf stünden, häufig sehr geldgierig zu sein. „Bei Deutschen kostet es immer viel, aber die Gegenleistung stimmt nicht immer. Es ist, entschuldigen Sie, auch nicht immer sehr sauber bei den Deutschen.“ Das Image unseres Volkes ändert sich offenbar nicht nur, was den Fußball betrifft. Dann kam der Kollege vorbei, mit dem ich regelmäßig Videoblogs zu produzieren hatte. Wir wollten den Blog an dem – winzigen! – Pool der teuren Pension drehen. Wir dachten, wir machen was über das Hollandspiel. „Da steht doch die halbe Startelf von Bayern München auf dem Platz“, sagte ich. „Holland spielt so, wie früher die Deutschen gespielt haben“, sagte der Kollege. Also redeten wir darüber, dass Bayern München mit seiner Einkaufspolitik zufällig einer der großen Sieger der WM ist, und über Uli Hoeneß, der vor der WM erklärt hat, dass Südafrika es organisatorisch garantiert nicht packt und dass der Spieler Müller zu jung sei für die WM und völlig überflüssig im deutschen Team. Es gibt keine Fußballexperten, nicht einmal Uli Hoeneß blickt durch. Überhaupt, selbst der Oktopus hat mehr Ahnung als der Mensch. Angela Merkel soll zurücktreten, ein Oktopus muss Bundeskanzler werden. Das war meine Hauptthese, glaube ich.

Dann packten wir das Kamerazeug schnell zusammen, denn ich musste zum Flughafen, und der Kollege musste auch irgendwas tun. „Moment mal“, sagte er plötzlich. „Holland spielt doch überhaupt nicht gegen Deutschland. Das ist doch … Spanien, oder?“ Wir schauten auf den Spielplan. Wie kann man so unkonzentriert sein? Was sind wir denn für verkommene, unterirdische Schluri-Typen? Ich sagte, ach, das hätte auch jederzeit Uli Hoeneß passieren können. Es gibt jetzt also einen Blog über das Endspiel Deutschland – Holland, der eigentlich gar nicht so übel ist, in zwei oder vier Jahren kann man den vielleicht bringen, oder er wird eine Rarität wie diese Fehldrucke von alten Briefmarken, auf denen ein unkonzentrierter Postbeamter „Deusslund“ statt „Deutschland“ gedruckt hat, das gibt es ja auch.

Im Endspiel war ich für Holland, weil ich in meinem bisherigen Leben immer nur nette Holländer kennengelernt habe. Ich schwöre: Jeder Holländer, den ich jemals traf, war mir sympathisch, eigentlich seltsam. Es muss doch in Holland, wie überall, auch ein gewisses Quantum an unsympathischen Menschen geben. Die unsympathischen Holländer aber scheinen meine Gegenwart konsequent zu meiden. Um mich dafür, dass sie immer weggehen, wenn ich komme, endlich bei den unsympathischen Holländern zu bedanken, war ich im Endspiel für Holland.

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