Ein Samba voller Melancholie : Südamerika bleibt im Finale außen vor

Erst gefeiert, dann gefallen – Südamerika wird wieder nur zuschauen, wenn die Europäer nach dem WM-Titel greifen. Tagesspiegel-WM-Reporter Sven Goldmann über die vielfältigen Gründe des Scheiterns.

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Südamerika im Abseits. Uruguays Diego Forlán muss zuschauen, wenn Europa am Sonntag den Titel unter sich ausmacht.
Südamerika im Abseits. Uruguays Diego Forlán muss zuschauen, wenn Europa am Sonntag den Titel unter sich ausmacht.Foto: AFP

Ein letztes Mal rollt die hellblaue Welle an. Victorino, Godin, Cavani, vor ein paar Wochen hat sie kaum jemand gekannt, jetzt sind sie drauf und dran, eine letzte große Sensation zu schaffen. Victorino flankt, Godin kommt nicht mehr ran mit dem Kopf, Cavani bleibt hängen mit dem letzten Dribbling. Ein Kamerateam betritt den Platz und wird sofort vertrieben von wütenden Uruguayern, es gibt noch einen letzten Freistoß, und dann erst ist es vorbei. Abpfiff: 2:3 – Uruguay ist raus und damit auch die letzte Hoffnung Südamerikas.

Mit letzter Kraft übersteht der große Favorit aus den Niederlanden die Nachspielzeit, von der Rafael van der Vaart später sagen wird, dass er in seinem Leben noch nie eine so große Angst verspürt habe. Es war die Angst vor Uruguay, aber eine ganz andere Angst, als sie die Mannschaften aus der Alten Welt zuletzt verspürt haben, wenn sie anzutreten hatten gegen den ersten aller Weltmeister, gekrönt 1930 daheim in Montevideo. Uruguay, das war in der Vorstellungswelt der europäischen Fußball-Zivilisation ein Stamm wilder Barbaren, dessen Ziel zuerst die gegnerischen Schienbeine waren und dann der Ball. Den Gipfel kreativer Fußballkunst erklomm Uruguay auch in Südafrika nicht. Dafür brachte es Systemtreue und individuelle Stärke miteinander in Einklang und schaffte damit genau das, was Argentinien und Brasilien unter höchst unterschiedlichen Vorzeichen nicht schafften. Auch deswegen war die kleinste Fußball-Nation Südamerikas bis zuletzt die letzte Hoffnung des Kontinents.

Diese WM ist das erste Turnier in der südlichen Hemisphäre, das keine südamerikanische Mannschaft als Sieger sieht, ja nicht einmal für eine Teilnahme am Endspiel hat es gereicht. Südafrika 2010 ist das Gegenstück zu Schweden 1958, als Europa zum einzigen Mal Gastgeber war für einen südamerikanischen Weltmeister, die großartigen Brasilianer Didi, Vava und, natürlich, Pelé.

Vor allem aber steht diese Weltmeisterschaft in einer logischen Konsequenz zur der vor vier Jahren in Deutschland, die für Südamerika schon nach dem Viertelfinale beendet war. Dabei hatte in Südafrika nach der Vorrunde noch manches für eine unerwartete Renaissance gesprochen, für einen Sieg lateinamerikanischer Leidenschaft über das europäische Kapital. Brasilien, Argentinien, Paraguay, Chile, Uruguay und Mexiko qualifizierten sich geschlossen für das Achtelfinale, allein das Fußball-Schwellenland Honduras blieb außen vor. Doch schon dieser Erfolg ließ sich schwer mit einer übergreifenden Identität erklären. Die einen bezogen ihre Dominanz aus im positiven Sinne preußisch organisierter Verteidigung (Paraguay, Uruguay, Brasilien), keine Mannschaft spielte so vogelwild nach vorn und verteidigte so brutal wie Chile, und die Argentinier traten mit ihrem Mix aus virtuoser Angriffskunst und naiver Absicherung so ambivalent auf, dass der deutsche Trainer Joachim Löw von zwei Mannschaften in einer sprach. Gemeinsam war allen neben dem anfänglichen Erfolg nur der schnelle Absturz. Im Endspiel sind die Europäer wie schon 2006 unter sich.

Nun hatte niemand ernsthaft einen Weltmeister aus Chile, Paraguay oder Mexiko erwartet. Auch Uruguays Durchmarsch in die Runde der besten Vier war, bei allem Respekt vor der Arbeit des Kollektivs und dem großartigen Diego Forlán, vor allem dem Versagen eines tragischen Helden aus Ghana beim Elfmeter geschuldet. Die großen Fußballmächte Argentinien und Brasilien aber hatten die Liste der WM-Favoriten lange Zeit angeführt. Auch wegen der mühelos absolvierten Vorrunde, vor allem aber wegen ihres erlesenen Personals. Doch die Profis aus Buenos Aires und Cordoba, aus Rio de Janeiro und Sao Paulo, sie mögen die großen Ligen in Spanien, Italien und England dominieren. Sobald sie für ihre Nationalmannschaften spielen, legen sie eine Melancholie auf den Platz, die sich schlecht verträgt mit der Siegermentalität im Kluballtag. Brasilien und Argentinien scheiterten beide auf höchst unterschiedliche Weise, aber doch im tragischen Einklang.

Kaum eine andere Mannschaft vereinte so viel Talent und Qualität wie die Argentinier, aber keine andere schaffte es auch, im entscheidenden Augenblick so weit unter ihren Möglichkeiten zu bleiben. Diego Maradonas Verdienste sind unumstritten, aber in Südafrika hat er sich um den Fußball nicht verdient gemacht und auch nicht um die Nation. Fußball ist keine Mathematik, aber eben doch mehr als ein Pausenhofspiel. Erfolg stellt sich ein durch gewissenhafte Vorbereitung und Analyse und nicht durch Handauflegen.

Einen Strategen Diego Maradona aber hat es nie gegeben, auch nicht zu seiner aktiven Zeit. Sein taktisches System hat sich immer reduziert auf Maradona mit dem Kopf, Maradona mit dem Fuß und manchmal auch Maradona mit der Hand. Der Trainer Maradona zeichnete sich aus durch Flüche, Küsse und Tänze, den Rest überließ er seiner Belegschaft auf dem Platz, die er mehr nach Sympathie aufstellte denn nach rational nachvollziehbaren Parametern. Argentinien wird wohl weiter unter ihm leiden, denn einer wie Maradona kann nicht entlassen werden, gerade erst hat ihn die Staatspräsidentin Cristina Kirchner auf Knien angefleht, den Job weiterzumachen, mindestens bis zur Copa America im kommenden Sommer daheim in Argentinien, besser noch bis zur nächsten WM 2014 in Brasilien. Der Konkurrenz kann das nur Recht sein.

Diego Maradona ist nach dem Scheitern von Zbigniew Boniek in Polen, Marco van Basten in den Niederlanden und Jürgen Klinsmann beim FC Bayern der letzte der Autodidakten, die ihre Trainerposition ihrem Charisma als Spieler verdanken. Viele stellen auch den Brasilianer Carlos Dunga in diese Reihe, was aus zweierlei Gründen nicht ganz fair ist. Zum einen verfügte der brave Handwerker Dunga zu seiner aktiven Zeit nicht über ein Charisma, das ihn zur Anleitung der Seleção befähigt hätte. Dafür hatte er, zum anderen, als Trainer durchaus einen Plan und eine ganz konkrete Vorstellung davon, wie eine erfolgreiche Mannschaft zu spielen hat. Dungas Problem war, dass sich diese Vorstellung nicht vertrug mit der seiner Landsleute, für die Fußball immer noch die Fortsetzung von Samba mit wettkampforientierten Mitteln ist.

Die Nation verachtete Dungas defensiven Konterfußball, er wurde angefeindet von Größen wie Pelé und Zico, der frühere Kapitän Socrates sprach von einer „Schande für unser Land“. Diesen Ressentiments hätte Dunga nur mit sportlichem Erfolg begegnen können. Die Tragik seines Scheiterns liegt darin, dass sein durchaus funktionierendes Konzept zerstört wurde durch einen Abwehrfehler der Güte, wie er schon die von Socrates angeführten brasilianischen Mannschaften in den Achtziger Jahren scheitern ließ. Es ermöglichte dieser eine Fehler im Viertelfinale den bis dahin chancenlosen Niederländern den Ausgleich und verursachte eine tiefe Sinnkrise, an deren Ende sich der große WM-Favorit aus dem Turnier verabschiedete.

Brasilien hat diesen K.o. von Port Elizabeth sehr viel geschäftsmäßiger zur Kenntnis genommen, als dies bei früheren Gelegenheiten der Fall war. Denn Brasilien hat diese Seleção nie geliebt, und ihr frühes Ausscheiden war immerhin ein willkommener Anlass für die Trennung von dem ungeliebten Carlos Dunga. Ein anderer Trainer wird die Mannschaft mit anderem Fußball zur nächsten Weltmeisterschaft im eigenen Land führen. Auf dass die WM 2014 wieder zu einer Renaissance dessen führt, was man nicht nur in Brasilien für den wahren südamerikanischen Fußball hält.

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