Einbürgerungen : Der Pass im richtigen Moment

Vor der WM lassen sich Spieler wie Kevin-Prince Boateng oder Lucas Barrios für neue Teams einbürgern.

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Als Kopfmensch galt Kevin-Prince Boateng bislang weniger. Doch der Eindruck scheint zu täuschen. „Es war eine rationale Entscheidung, mehr mit dem Kopf als mit dem Herzen getroffen“, begründet der im Wedding geborene 23-Jährige auf der Webseite des Fußball-Weltverbandes Fifa seine Entscheidung, künftig für Ghana statt für Deutschland zu spielen.

Am Dienstag will der ehemalige Hertha-Spieler sein Debüt für Ghana geben, in einem Freundschaftsspiel gegen die Niederlande. Boateng hat alle deutschen Juniorenteams von der U15 bis zur U21 durchlaufen. Dass er sich ausgerechnet jetzt entschied, künftig für die Heimat seines Vaters aufzulaufen, dürfte vor allem damit zusammenhängen, dass in zwei Wochen ein nicht unbedeutendes Fußballturnier in Südafrika ansteht.

Und Boateng ist damit kein Einzelfall: Vor der WM entdecken reihenweise Spieler die Heimat ihrer Eltern neu und debütieren in diesen Tagen in ihren neuen Nationalteams. Die bekanntesten Beispiele aus der Bundesliga sind der Argentinier Lucas Barrios, der bei der WM für Paraguay treffen will, das Heimatland seiner Mutter. Der gebürtige Hamburger Eric Maxim Choupo-Moting will für das Heimatland seines Vaters, für Kamerun spielen. Daher stammt auch der Vater von Joel Matip, geboren in Bochum, der ebenfalls im vorläufigen Aufgebot des zentralafrikanischen Landes steht. Möglich macht es eine Regeländerung der Fifa, die vor einem Jahr beschlossen hat, dass Spieler auch nach ihrem 21. Lebensjahr noch das Land wechseln dürfen, für das sie spielen, wenn sie für das alte noch kein Pflichtspiel im A-Team bestritten haben.

Es ist der Reiz der WM, der die Spieler ihre Loyalitäten kurzfristig noch einmal neu überdenken lässt. Boateng hatte noch im Januar das Angebot, für das Land seines Vaters am Afrika-Cup teilzunehmen ebenso abgelehnt wie Matip. Der 18-Jährige wollte sich damals lieber auf seine Bundesligakarriere beim FC Schalke 04 konzentrieren. Boateng führt dagegen einen andern Grund für seine Absage an: „Ich hoffte immer noch, von Deutschland berufen zu werden und dort zusammen mit meinem Bruder Jerome zu spielen, also sagte ich Ghana ab“, sagt er. Doch nun könnte er zusammen mit seinem Halb-Bruder Jerome Boateng, der im deutschen Kader steht, im Gruppenspiel am 23. Juni für das erste Bruderduell der WM–Geschichte sorgen: zwei Brüder, zwei Länder.

Dass Kevin-Prince, der Afrika auf den Oberarm tätowiert hat, aber noch nie dort war, nie für die deutsche A-Nationalelf berufen wurde, hat viel mit unbeständigen Leistungen und Disziplinlosigkeiten zu tun. Lucas Barrios hat sich hingegen nie etwas zuschulden kommen lassen und für Borussia Dortmund brilliert. Doch 18 Bundesligatore lassen einen Nationaltrainer wie Diego Maradona nur müde lächeln, wenn er im Sturm die Auswahl zwischen Lionel Messi, Gonzalo Higuain, Sergio Agüero und Diego Milito hat. Also besorgte sich Barrios kurz vor der WM einen Pass aus der Heimat seine Mutter. Am vergangenen Dienstag machte er gegen Irland sein erstes Spiel für Paraguay und traf gleich. Der 26-Jährige ist der dritte eingebürgerte Argentinier im Team, eine Tatsache, die beim einstigen Kriegsgegner Paraguay nicht jeden begeistert.

Während Barrios die Spielgenehmigung schnell erhielt, wartet Choupo-Moting noch darauf und wurde daher in den Testspielen nicht eingesetzt. Sein Länderwechsel war wohl etwas zu kurzfristig: Im März spielte er noch für die deutsche U21-Nationalelf in der EM-Qualifikation, im Mai wurde er von Kamerun berufen und sagte zu. Mit ein wenig Pech droht ihm nun das Schicksal seines Mitspielers Marcel Ndjeng: Der gebürtige Bonner vom FC Augsburg entschied sich schon 2008 für Kamerun, wartete aber zwei Jahre auf einen Einsatz für die Heimat seines Vaters. Immerhin feierte er im Testspiel am vergangen Dienstag gegen Georgien endlich sein Debüt und darf hoffen, im endgültigen Aufgebot zu stehen, das am 1. Juni benannt werden muss.

Das Einbürgerungsprinzip perfektioniert hat Algerien: Aus dem vorläufigen Kader sind 17 Spieler in Frankreich geboren und aufgewachsen, 13 in Algerien. Die Gründe sind klar: Die Spieler werden im Ausland besser ausgebildet. Man könnte dieses Vorgehen kritisieren. Doch ein Land wie Deutschland, das Spieler im Aufgebot hat, die in Gliwice, Opole, Bosanska Gradiska, Tczew und Santo André geboren sind, sollte das nicht tun.

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