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Englische Presseschau : "Ins Schwert stürzen"

Manche englische Medien geben dem Schiedsrichter die Schuld an der 1:4-Niederlage gegen Deutschland. Doch nun gerät Trainer Capello immer stärker in die Kritik - bis hin zu Forderungen nach seinem Rücktritt.

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Name jokes, please: Der Daily Mirror zeigt Fabio Capello die Tür. Foto: promo
Name jokes, please: Der Daily Mirror zeigt Fabio Capello die Tür.Foto: promo

"Nutzlos" sei der Schiedsrichter, kläffte die Boulevardzeitung "The Sun". „England wird von Deutschland bei der WM gedemütigt (mit viel Hilfe des Schiedsrichters aus Uruguay)“, klagte das Massenblatt „Daily Mail“. Von einer „Fan-Wut wegen des Tor-Fehlers“ berichtete die nicht mehr ganz so seriöse „Times“. Natürlich wurde Frank Lampards nicht gegebenes Tor in den englischen Medien diskutiert, aber die schwache Leistung der eigenen Mannschaft war dann doch das wichtigere Thema. „Trostloses England erleidet WM-Herzschmerz“, schrieb der durchaus seriöse „Independent“. Der liberale „Guardian“ hatte eine „schreckliche Schwäche der englischen Abwehr“ gesehen. Und der "Daily Mirror" bezog eindeutig Position gegenüber Trainer Fabio Capello: "FABIGO", titelte das linke Boulevardblatt in fetten schwarz-roten Großbuchstaben. No name jokes, keine Witze mit Namen, die gute alte Journalistenregel gilt auf der Insel schon lange nicht mehr. Und dann griff der "Mirror" sogar ein gutes altes deutsches Namenswortspiel auf: „Three Lions von Deutschland gemüllert - und vom Referee.“

Wiederum in der "Sun" ging der frühere englische Nationaltrainer Terry Venables hart mit Fabio Capello ins Gericht. Mit seiner Taktik habe er den Deutschen, vor allem Mesut Özil, zu viel Raum im Mittelfeld gegeben. "Die Deutschen können wohl ihr Glück kaum glauben, gegen ein englisches Team anzutreten, das ihnen Räume gab mit überalterter Formation und naiver Strategie."

Der "Daily Telegraph" wählte martialische Metaphorik, um Englands Trainer ebenfalls zum Rücktritt aufzufordern: "Zeit für Fabio Capello, sich nach einer schwachen WM in sein Schwert zu stürzen", schreibt das konservative Blatt. Nach Englands "Ausweidung" durch Deutschland bleibe dem Italiener nur der Abgang. Schließlich habe er sich auch noch "geweigert, eine verdiente Niederlage mit Würde zu akzeptieren" und stattdessen den Schiedsrichter "gegeißelt".

Eine Gegenstimme kommt von der "Daily Mail". "Trotz der Demütigung braucht England Fabio Capello mehr denn je", schreibt die Zeitung und begründet diese Ansicht vor allem mit Capellos großer Erfahrung und Fähigkeit, die richtigen Schlüsse aus der WM-Schmach zu ziehen. Außerdem sei auf der Insel derzeit einfach kein besserer Trainer zu haben.

Ähnlich argumentiert der "Guardian": Das Problem des englischen Fußballs liege tiefer als nur beim aktuellen Trainer. Die Trainerausbildung und Nachwuchsförderung auf der Insel sei schlecht. Während England derzeit nur 2769 Trainer auf dem höchsten europäischen Ausbildungslevel aufbieten könne, sei diese Zahl zum Beispiel in Deutschland mit 34.970 um ein Vielfaches höher.

Gehen will Capello offenbar erst einmal nicht: Der Italiener, so berichten der "Guardian" und andere Medien, habe seinen Rücktritt abgelehnt, werde sich aber mit den Verantwortlichen des englischen Fußballverbandes schon am heutigen Montag zusammensetzen, um seine Zukunft und die der Mannschaft zu diskutieren.

Wie immer wortgewaltig: The Sun. Foto: promo
Wie immer wortgewaltig: The Sun.Foto: promo

Die BBC hatte ihre Fußball-Experten von Alan Hansen über Harry Redknapp bis Chris Waddle auf ihrer Online-Seite versammelt. Eindeutiger Tenor ihrer Kommentare: Natürlich war die Fehlentscheidung des Schiedsrichters nicht hilfreich für England, aber das darf auf keinen Fall als Vorwand für die klare Niederlage eines eindeutig schwächeren Teams gelten. "Über das gesamte Spiel war Deutschland viel besser, sie haben modernen Fußball gespielt", schreibt zum Beispiel Redknapp, Trainer der Tottenham Hotspur aus London.

Statt andere wie den Schiedsrichter verantwortlich zu machen, "müssen wir dieses Mal akzeptieren, dass die Mannschaft einfach nicht gut genug ist. Deutschland hat uns einfach deklassiert", schreibt Rob Kelly, Blogger des "Telegraph", des konservativen, ansonsten nicht gerade deutschlandfreundlichen Blatts.

Und dann war da noch: The Kaiser! Franz Beckenbauer hatte sich vor dem Spiel mit den englischen Medien ein Geplänkel geliefert, weil er sich über den altbackenen Stil der englischen Elf mokiert hatte. Zwischenzeitlich hatte sich Beckenbauer entschuldigt und im Radio bei der BBC seine ewigwährende Liebe zum englischen Fußball bekundet. Nach dem Spiel nun zitierte ihn der britische Sender "Sky" wieder mit markigen Worten: "Wir haben England auseinandergenommen. Wir waren einfach besser in jeder Hinsicht." Wohltuend für die englische Fußballseele dann das Eingeständnis des 66er-WM-Veterans, dass Lampards Schuss klar drin war. "Gut, dass wir noch zwei Tore gemacht haben, sonst würde darüber noch stärker diskutiert." Entgegen der Tendenz der aktuellen Debatte auf der Insel dann aber Beckenbauers Sicht der Dinge zu technischen Hilfsmitteln: "Ich bin eindeutig gegen den Videobeweis", sagte Beckenbauer. "So schlimm das jetzt auch war, Fußball lebt vom Drama, Fußball ist nicht perfekt. Auch Fußballer machen viele Fehler und das bringt Emotionen ins Spiel."

Auch in den Online-Foren der englischen Presse überwog die Tendenz, die eigene Mannschaft statt des Schiedsrichters verantwortlich zu machen. Auffallend im übrigen, dass sich unzählige Deutsche an den Online-Debatten der britischen Medien beteiligen. Besonders "The Sun" scheint viele deutsche Fans zu haben.

P.S.: Tagesspiegel.de-User "jorhovetter00" verabschiedete sich mit folgenden Worten aus unseren aktuellen Fußballdebatten: "Tschüss Freunde. Für die nächsten sechs Stunden lese ich jetzt The Sun und zwar immer und immer wieder..."

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