Englische Torhüter : Sie nannten David James Katastrophe

Einst galt Englands Torwart David James als Fliegenfänger – doch der älteste Debütant der WM-Geschichte ist längst zur Persönlichkeit gereift

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Mal mit Afro, mal mit geflochtenen Haaren.
Mal mit Afro, mal mit geflochtenen Haaren.Foto: REUTERS

Sie sollen Golf spielen, Dart oder Billard. Einen ganzen Koffer voller Brettspiele hat Fabio Capellos Assistent Franco Baldini auch noch für die Mannschaft mitgebracht. Dass im Royal-Bafokeng-Sports-Campus Playstations installiert wurden, hat man allerdings nicht gehört. Kein Wunder, die Gefahr für den englischen Kasten wäre wohl zu groß. Torwart David James war zu seiner Zeit beim FC Liverpool ja ein passionierter Videospieler, der sich ganze Nächte mit dem Spiel „Tomb Raider“ um die Ohren schlug. „Dadurch haben meine Koordination und Konzentration gelitten“, sagte er Mitte der Neunziger Jahre, als ihn eine Reihe von Fehlgriffen den Spitznamen „Calamity-James“ (Katastrophen-James) eingebracht hatten.

Mittlerweile hat der Keeper vom FC Portsmouth dieser Sucht jedoch abgeschworen, wie es sich für einen Mann mit 39 gehört. James, der mit Abstand Älteste im Kader der Engländer, war in den vergangenen zwei Wochen der kühlste Kopf in einem von Partikularinteressen und Spannungen geplagten Team. Obwohl er sich, sehr zum Unwohl von Capello, nach dem Schnitzer von Kollege Robert Green beim 1:1 gegen die USA öffentlich für seine Rückkehr in den Kasten stark gemacht hatte, gab es für den Italiener keine echte Alternative: James durfte gegen Algerien endlich als ältester WM-Debütant in der Geschichte des Wettbewerbs das Trikot mit der Nummer eins anziehen.

James hat sehr lange auf England warten müssen, vielleicht war es aber auch andersrum. Er war erst 22, als er beim FC Liverpool die Legende Bruce Grobbelaar verdrängte. Der in Welwyn Garden City, einem ruhigen Städtchen im Nordwesten Londons, geborene James wurde auf der Insel schon als Jahrhunderttalent gefeiert, hatte dann aber das Pech, zum falschen Moment im richtigen Klub zu sein. In Liverpool machten damals die sogenannten „Spice Boys“ die Stadt unsicher, eine Gruppe von jungen, gut aussehenden Jungs (Steve McManaman, Jamie Redknapp, Robbie Fowler), die Mitte der Neunziger zu kickenden Pop-Ikonen auf der Insel aufstiegen. James war der Anführer dieser Gang und bald mehr mit Modellauftritten in Mailand (für Armani) und Modeaufnahmen und Partys als mit dem runden Leder beschäftigt. Die Spice Boys schafften es trotz ihres großen Talents nicht, einen wichtigen Titel zu erringen; James’ Leistungen wurden immer flatterhafter.

Nach 277 Spielen wurde er für nur drei Millionen Euro an Aston Villa verkauft. Er galt damals als spent force, als verbraucht, als einer von vielen in England, der mit dem Druck und den Verlockungen der Premier League nicht zurecht kam.

Bei West Ham United fand er endlich einen Hauch von Konstanz und den Weg in die Nationalmannschaft, nach der EM 2004 – und einem bösen Patzer in der WM-Qualifikation gegen Österreich – war aber erst mal wieder Schluss. Erst Capello machte den mittlerweile als Person sehr gereiften Kunstsammler und Motorradfahrer vor zwei Jahren wieder zur englischen Nummer eins, bevor ihm Robert Green kurzzeitig wieder den Rang ablief. Ein Muss sind seine monatlichen Kolumnen im Sonntagsblatt „Observer“, in denen James mit unglaublicher Offenheit über sozial-politische Themen – er unterstützt mehrere Wohltätigkeitsorganisationen in Afrika und hat ein Stipendium für einen Studenten aus Malawi eingerichtet – aber auch Kabineninterna berichtet.

Als Portsmouth dieses Frühjahr Insolvenz anmeldete, bezahlte James mit den Kollegen die Gehälter einiger Angestellter weiter. Allerdings „nicht aus altruistischen Gründen“, wie er bemerkenswert einräumte: „Ich will als Profi ganz einfach, dass meine Socken nach dem Training richtig zusammengerollt werden und jemand da ist, der eine verstopfte Toilette richtet.“ Er selber greift auf dem Platz ja nicht mehr in selbige.

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