Fehlentscheidungen : Eine Torkamera zur Beruhigung der Gemüter

Krasse Fehlentscheidungen der Schiedsrichter bei der Fußball-WM verstärken den Ruf nach technischen Hilfsmitteln. Muss der Schiedsrichter wirklich unwissender bleiben als der Rest der Welt?

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Zeitreise. Frank Lampard zieht aus der Distanz ab, der Ball fliegt über Manuel Neuer an die Unterkante der Latte ...
Zeitreise. Frank Lampard zieht aus der Distanz ab, der Ball fliegt über Manuel Neuer an die Unterkante der Latte ...Foto: dpa

Zwei Mannschaften stehen sich beim Fußball gegenüber, aber längst auch zwei andere Gegner: Mensch und Technik. Am Sonntagabend hat der Mensch zweimal verloren. Die Schiedsrichter haben ein Tor nicht gegeben, das sie hätten anerkennen müssen und eines für gültig erklärt, das aus einer Abseitsposition entstanden war. Die Technik hätte es besser gemacht.

Der Aufschrei ist auch deshalb groß, weil Millionen Augen mehr gesehen haben als zwei. Das Offensichtliche ist nur leider dem Schiedsrichter verborgen geblieben. Dabei sind Tore das Wichtigste beim Fußball. Falsche Tore verzerren das Spiel. Im Extrem verlässt am Ende die schlechtere Mannschaft als Sieger den Platz.

Beim Abseitstor des Argentiniers Tevez gab es sogar ein absurdes Nebeneinander von menschlichen und technischen Entscheidungsmöglichkeiten. Der Linienrichter hatte auf der Videowand gesehen, dass der Torschütze im Abseits gestanden hatte. Der Schiedsrichter ließ sich davon aber nicht umstimmen. Videobeweise sind im Fußball nicht vorgesehen. Er hat also regelgerecht falsch entschieden.

Der Fußball ist nicht zuletzt deshalb so beliebt, weil er so menschlich ist. Der Irrtum gehört dazu, er hat, wie beim Wembley-Tor 1966, wie bei Maradonas "Hand Gottes" 1986 Stoff für Legenden geliefert. Legenden. Keine Kulturleistungen. Genauso zum Menschen wie der Irrtum gehört die Evolution. Sich weiterentwickeln, Dinge erfinden und nutzen. Muss der Fußball den Schiedsrichter wirklich unwissender lassen als den Rest der Welt?

WM 2010: Ein Hauch von Wembley
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27.06.2010 18:21Zeitreise. Frank Lampard zieht aus der Distanz ab, der Ball fliegt über Manuel Neuer an die Unterkante der Latte ...

Solche groben Fehler wie am Sonntag lassen sich auf verschiedene Art vermeiden. Es gab Experimente mit einem Chip im Ball, der dem Schiedsrichter ein akustisches Signal übermittelt, wenn der Ball eindeutig im Tor ist. Die andere Möglichkeit wäre eine Torkamera, die bei strittigen Entscheidungen zu Rate gezogen werden kann. Die oberste Regelkommission, die ebenfalls zum altmodischen Repertoire des Fußballs gehört, weil in ihr unter anderem die Uraltfußballmächte Wales und Schottland gemeinsam mit wenigen anderen über Regeln befinden, die die ganze Welt betreffen, diese Kommission hat sich allerdings dagegen ausgesprochen. Technik habe im Fußball nichts verloren.

Es ist nachvollziehbar, dass die Sportfunktionäre Angst davor haben, eine Büchse zu öffnen, aus der nicht nur gute Hilfsmittel kommen, sondern auch Gift, das den Fußball am Ende zerstört. Wer Sport in Einklang mit einem neueren Stand der Technik möchte, kann schon jetzt zum Eishockey, Tennis oder American Football gehen. Die meisten schauen dennoch weiterhin beim Fußball zu. Auch die Engländer werden sich nach dem nicht gegebenen Tor nicht dem Handball zuwenden.

Am Ende bleibt der Fußball ein Unterhaltungsspiel, ein großartiges Drama, mit Abgründen. Und mit Leidtragenden. Wie den Schiedsrichtern, die für den Anspruch des Fußballs geradestehen müssen, ohne technische Entwicklungen auszukommen. Der Gerechtigkeitsbegriff aus anderen gesellschaftlichen Bereichen lässt sich ohnehin nicht auf den Fußball übertragen. Es ist auch nicht gerecht, für ein Foul an der Torauslinie einen Elfmeter zugesprochen zu bekommen, also eine hohe Chance auf ein Tor.

Grobe Fehlentscheidungen zu vermeiden, daran könnte der Fußball jedoch verstärkt arbeiten. Der europäische Fußballverband versucht es erst einmal mit menschlichen Fähigkeiten und wird in der Champions League und der Qualifikation zur Europameisterschaft Torrichter einsetzen. Auch sie können fehlbar sein. Aber sie werden mehr sehen als Schiedsrichter und Linienrichter. Ein großes Turnier mit einer Torkamera zu spielen, könnte ebenfalls einen Versuch wert sein.

Aber die Technik wird den Fußball nicht objektiv machen. Sie kann versagen. Vor allem aber hat auch sie ihre Grenzen. Abseits lässt sich kaum eindeutig beweisen. Und dann gibt es noch die spielpraktische Seite: Schon jetzt nervt am Fußball die ständige Rumdiskutiererei mit dem Schiedsrichter. Dass aus einer Mannschaft eine Quasselbande wird. Wenn der Schiedsrichter sich eine Situation am Fernseher anschaut, würden dann nicht alle hinter ihm her rennen und mitschauen wollen? Und wo soll die Grenze gezogen werden? Darf die Torkamera auch bei groben Fouls auf der Torlinie genutzt werden?

Es ist nicht so, dass der Fußball experimentierfeindlich wäre. Er hat das Golden Goal eingeführt und wieder abgeschafft. Also eine Regel, die ein Spiel entscheidet. Die technischen Hilfsmittel sollte er jetzt auch behutsam ausprobieren.

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