Gegen die Langeweile : Macht groß das Tor!

Gunter Sachs liebt Frauen und Zahlen. Und Zahlen lügen nicht. Nun kämpft der frühere Playboy für einen neuen Fußball.

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Mit größeren Toren wäre der Ball gleich rein gegangen.
Mit größeren Toren wäre der Ball gleich rein gegangen.Foto: dpa

Gunter Sachs war der Vorzeige-Playboy der 60er Jahre, ein polyglotter Frauenschwarm, mit dem gut gebräunten Gesicht des Wirtschaftswunderlandes. Heute ist Gunter Sachs 77 Jahre alt, ein Playboy im Ruhestand. Und wie die meisten Männer in diesem Alter hat er viel Zeit. Zeit, die er füllen muss. Doch Gunter Sachs löst natürlich weder Sudoku-Rätsel noch beobachtet er Singvögel im Park. Gunter Sachs hat Jetsetter-Hobbys. Er fotografiert, sammelt Kunst. 2008 erst zeigte das Museum für Bildende Künste in Leipzig eine Sachs-Retrospektive: „Die Kunst ist weiblich.“ Sachs wird für seine Fotografien und seinen Beitrag für die Kunst immer noch gefeiert. Eigentlich müsste das reichen. Aber es reicht nicht.

Der Mann, der einmal Brigitte Bardot zur Frau nehmen durfte, will auch unbedingt der Mann werden, der dem Fußball die Schönheit zurückgegeben hat. Und weil Sachs nun mal Künstler ist, Playboy und Visionär, denkt er größer, höher, weiter. Sachs will die Fußballtore vergrößern. Um sieben Zentimeter. Auf jeder Seite. Denn: „Tore sind nun mal die Essenz und der Zauber des Fußballs“, wie er zu dieser WM in einem Gastbeitrag in der FAZ schrieb. Wie alle Nostalgiker hat Sachs Sehnsucht nach alter Magie.

Seinen Feldzug gegen die Begrenztheit des Fußballs begann er deshalb schon vor sechs Jahren, nachdem er bei der Europameisterschaft 2004 erschrocken feststellen musste, dass der moderne Fußball in taktischen Stellungskämpfen zu erstarren drohte. Für jemanden, der jahrzehntelang in Champagner duschte, muss diese plötzliche Langeweile unerträglich gewesen sein. Wie eine Party ohne Damenwahl.

Damals, im September 2004 gründete er „mit etwa 70 Gleichgesinnten“, wie er sagte, den Verein „Das größere Fußballtor“. Seither jongliert er mit Zahlen, Axiomen, Tangenten und Gleichungen. Denn Sachs ist tatsächlich auch noch studierter Mathematiker. Zahlen und Frauen liegen ihm. Und: Zahlen lügen nicht.

Also konnte Sachs den modernen Fußball genauestens untersuchen. Seine Ergebnisse wurden dabei immer alarmierender. Zumindest für Sachs selbst. 2006 schrieb er bereits in der „FAZ“: „Der Trend zu weniger Toren ist hoch signifikant und tendiert gegen null.“ Mitten in die Euphorie des Sommermärchens prognostizierte Sachs den Tod des Fußballs, eine Zukunft ohne Tore, mit Spielen, die bis in die Unendlichkeit laufen, weil sie nicht zu entscheiden sind, solange die Tore so klein sind. Die Fifa hat Sachs damals nicht sonderlich ernst genommen. Mit dem Hinweis auf die Unmöglichkeit einer weltumspannenden Umrüstung aller Tore wurden er und seine Statistiken zu den Akten gelegt.

Die schlimmsten Fehlentscheidungen
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04.07.2010 19:19Platz 1 - 27. Juni, Achtelfinale Deutschland - England: Ein Ball, ein Tor, kein Pfiff. Lampards Schuss springt von der...

Doch jetzt, pünktlich zur Alles-oder-nichts-Phase des Turniers in Südafrika, steht er wieder da. Mit einem Aktenkoffer voller Statistiken. Sachs warnt vor einer „stetig sinkenden Anzahl von Toren“, gibt Fernsehinterviews und schreibt wieder. Sein wichtigstes Argument ist heute: Die Torhüter wachsen, die Tore nicht. Sachs stellt dabei eine überraschende Gleichung auf: Größere Tore würden für mehr Tore sorgen und so auch für aussagekräftigere Resultate. Im Grunde fordert er Scheibenschießen auf der Fußballkirmes. Es ist der Traum eines ewig spielenden Jungen. Doch die Fifa lacht wieder nur über den Playboy im Bälleland.

Vielleicht hätte Gunter Sachs lieber Sudoku-Rätsel lösen sollen. Zahlen dafür hätte er ja genug.

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