Gestohlener WM-Schmuck : Schlandfriedensbruch

In Berlin sind zur Fußball-Weltmeisterschaft Fahnen und Schmuck in Schwarz-Rot-Gold gestohlen worden. Unser Fotograf entdeckte durch Zufall ein Lager der Diebe.

von und Rich S.
"Dit' is Berlin, wa!" Bob der Baumeister und seine Komplizen inspizieren des Wahnsinns fette Beute. Foto: Rich S.
"Dit' is Berlin, wa!" Bob der Baumeister und seine Komplizen inspizieren des Wahnsinns fette Beute.Foto: Rich S.

Seit der WM 2006 gilt es als salonfähig, wenn man sein Auto, seinen Balkon oder sogar seinen eigenen Körper in Schwarz-Rot-Gold dekoriert. Ein optimistischer, unverfänglicher Patriotismus sei das, so legitimierte es die öffentliche Meinung, weil er sich nicht auf der belasteten Vergangenheit gründe, sondern einzig auf der Gegenwart, auf der Freude über die Leistung der Nationalelf beim Turnier im eigenen Land.

Eine Deutschland-Fahne flattern zu lassen, das ist auch 2010 so obligat wie die Alkohol-Fahne nach dem fünften Siegerbier. Die Schlandesfarben sind in der Euphorie um Jogis Jungs zu Vereinsfarben geworden. Erst im gemeinsamen Tragen von Hüten, T-Shirts und Wangenschminke entdecken die Menschen ihre Einigkeit. You'll never walk alone – Deutschland ist mein Lieblingsklub.

Ob nun Vereinsmeierei oder doch Patriotismus – bei den Autonomen im Berliner Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain kommt beides nicht gut an. Sie werden verdächtigt, seit Beginn der WM Unmengen von Autofähnchen und Flaggen, die in Ladeneingängen hingen, entwendet zu haben – zu einem Großteil waren die Besitzer Türken und Araber, die sich für die deutsche Mannschaft begeisterten (der Tagesspiegel berichtete). „Verkehrte Welt“, wunderte man sich links und rechts der Spree. Und doch ein erwartbarer Reflex der ansässigen Subkultur: Wer über die Oberbaumbrücke von einem Stadtteil in den anderen fährt, dem prangt auf einem Häuserdach die Parole „Deutschland verrecke!“ entgegen.

Irgendwo dort, über den Dächern Berlins, verweilte in der Nacht von Samstag auf Sonntag der Fotograf Rich S. (sein Name ist der Redaktion bekannt) und wartete auf den Sonnenaufgang, als er im Hinterhof plötzlich ein archaisches Gebrüll vernahm. Er robbte an die Dachtraufe und traute seinen Augen kaum: Zwölf Meter unter ihm zerrte Bob, der Baumeister, Deutschlandfahnen in rauhen Mengen aus einem blauen Müllsack. Ein Clown, ein Spinnenmann, ein Schweinchen und andere Mischwesen gingen ihm zur Hand, Maskierte allesamt, die offenbar von ihrem nächtlichen Fahnen-Raubzug kamen. Alsbald hatten sie einen stattlichen Haufen errichtet, aus dem auch ein paar türkische Fähnchen hervorlugten. Sogleich entrollten sie ein mitgebrachtes Transparent: „Gegen Rassismus helfen keine deutschen Fahnen.“ Eine erratische Demonstration unter Ausschluss der Öffentlichkeit, eine rituelle Handlung nur für Eingeweihte.

Aus Gründen. Denn laut § 90a des Strafgesetzbuches wird die Verunglimpfung der Landesflagge mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren belegt. Fotograf Rich S. knippste zwar eifrig vom Dach herab, will aber keine Anzeige erstatten. „Dit is Berlin, wa“, sagt er lakonisch. Und Ärger mit Bob, dem Baumeister, will er wohl auch nicht riskieren.

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