Hollands Botschafter : "Der deutsche Fußball hat sich entdeutscht"

Der niederländische Botschafter und Fußball-Fan Marnix Krop spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über attraktiven deutschen Fußball, die Rivalität beider Länder und Hollands Chancen bei dieser WM.

Marnix Krop, 61, niederländischer Botschafter in Berlin.
Marnix Krop, 61, niederländischer Botschafter in Berlin.Foto: promo

TAGESSPIEGEL: Herr Botschafter, wie …

MARNIX KROP: … zunächst eine Frage an Sie: Wie erklären Sie, dass mehr Deutsche im Fernsehen die schwedische Hochzeit geguckt haben als das Spiel Niederlande – Japan?

TAGESSPIEGEL: Das ist so in Republiken, da ist die Sehnsucht nach Königshäusern groß. In Holland wäre das nicht so, wenn Deutschland spielt?

MARNIX KROP: Nein. Vielleicht, wenn Kamerun spielt, oder Dänemark. Obwohl: Kamerun – Dänemark, das ist ja sogar unsere Gruppe.

TAGESSPIEGEL: Zu unserem Thema: Deutschland – Holland. Wie sehen Sie da den Stand der Rivalität? Deutschlands Beziehung zu England, einem anderen Lieblingsfeind im Fußball, hat sich seit der WM 2006 in Deutschland etwas entspannt. Gilt das auch für Holland?

MARNIX KROP: Die WM 2006 war ein fundamentaler Moment. Im Halbfinale war die Mehrheit der Niederländer für Deutschland und gegen Italien. Das war total neu. Das Turnier zeigte Deutschlands freundlichstes Gesicht. Die niederländischen Fans waren begeistert. Sogar von der deutschen Polizei wurden sie geradezu zart behandelt.

TAGESSPIEGEL: Und welche Rolle spielte das deutsche Team?

MARNIX KROP: Deutschland hat attraktiv gespielt, das war neu. Es war weniger effektiv vielleicht. Es war mehr holländisch. Für uns war die Voraussetzung immer: Deutschland spielt nicht schön, die rennen nur, aber sie gewinnen immer. Und das ist nicht ehrlich. Diesmal war das anders. Außerdem ist das deutsche Team wie das ganze Land internationaler geworden. Bei der WM jetzt in Südafrika noch mehr, aber 2006 auch schon. Der deutsche Fußball hat sich gewissermaßen entdeutscht. Und das hilft. Und auch Deutschland hat sich in gewissem Sinne entdeutscht.

TAGESSPIEGEL: Wie weit kommt das entdeutschte deutsche Team bei dieser WM? Und wie weit kommt Holland?

MARNIX KROP: Es wird ein Finale zwischen Deutschland und den Niederlanden geben.

TAGESSPIEGEL: Das sagen Sie jetzt nur, weil Sie hier mit einem Deutschen beim Interview sitzen.

MARNIX KROP: Nein, ich habe das auch vor der WM schon gesagt. Und am Ende gewinnen diesmal die Niederlande, hoffe ich.

TAGESSPIEGEL: So richtig brilliert hat das Team von Trainer Bert van Marwijk aber bislang nicht ...

MARNIX KROP: Wir haben oft sehr gut am Anfang eines Turniers gespielt und sind dann ausgeschieden. Die EM 2008 ist das beste Beispiel. Wir haben die Sterne vom Himmel gespielt und im Viertelfinale war es aus. Bert van Marwijk ist ein realistischer Mensch. Er will, dass wir gewinnen, weiterkommen, allmählich besser werden und die Kreativität wächst. Das wird so kommen, denke ich.

Das Gespräch führte Markus Hesselmann.

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