Interview : Gianni Rivera: "Wir müssen den Fußball vor uns selbst schützen"

Gianni Rivera, Italiens Halbfinal-Held von 1970, spricht im 11Freunde-Interview über das Jahrhundertspiel und die Evolution des Fußballs.

Gianni Rivera schoss das Siegtor zum 4:3 für Italien im "Jahrhundertspiel", dem WM-Halbfinale 1970 gegen Deutschland
Gianni Rivera schoss das Siegtor zum 4:3 für Italien im "Jahrhundertspiel", dem WM-Halbfinale 1970 gegen DeutschlandFoto: dpa

11FREUNDE: Herr Rivera, das Halbfinale der WM 1970 zwischen Deutschland und Italien wird von vielen als das beste Spiel aller Zeiten bezeichnet. Sehen Sie das auch so?

GIANNI RIVERA: Dass dieses Spiel zur Legende werden würde, war uns auf dem Platz nicht bewusst. Eigentlich haben wir erst bei unserer Rückkehr nach Italien realisiert, welche Wirkung es auf die Fans gehabt haben muss. In technischer Hinsicht war es nicht besonders berauschend.

11FREUNDE: Die Bedingungen in Mexiko waren extrem.

GIANNI RIVERA: Es war heiß, denn wir spielten schon um 15 Uhr, damit die Partien in Europa nicht allzu spät übertragen wurden. Doch das eigentliche Problem war die Höhe. Besonders die Raucher in unserem Team hatten richtig zu kämpfen. Es war ein Konzert der rasselnden Lungen!

11FREUNDE: Aus heutiger Sicht sind die Spiele von damals zwar elegant, aber sehr langsam.

GIANNI RIVERA: Der heutige Fußball ist athletischer. Daran ist nichts auszusetzen, solange die Menschen weiter ins Stadion gehen. Ich selbst bevorzuge den beinahe körperlosen Fußball, der mehr fürs Auge bietet.

11FREUNDE: Schmerzt es Sie als einen der begabtesten Kreativspieler aller Zeiten, dass Italien bei der Weltmeisterschaft so destruktiv aufgetreten ist?

GIANNI RIVERA: Das bedeutet im Endeffekt nur, dass es nicht genug gute Stürmer gibt. Viele haben sich schon echauffiert, als Fabio Cannavaro, ein Verteidiger, 2006 Weltfußballer wurde. Ich hätte damals sogar unseren Torwart Gigi Buffon ausgezeichnet.

11FREUNDE: Sie wurden 1969 zu Europas Fußballer des Jahres gewählt. Ihr Vorgänger war George Best. Wo sind solche Typen geblieben?

GIANNI RIVERA: Es gibt sie nicht mehr. Das liegt wohl daran, dass Stars heute von klein auf herangezüchtet werden. Dabei wird mehr auf einen robusten Körper als auf einen markanten Charakter geachtet.

11FREUNDE: Heute unvorstellbar ist folgende Geschichte: Als Sie 1974 ahnten, dass Milan-Präsident Buttichi Sie abschieben wollte, kauften Sie die Mehrheit am Verein. Mussten Ihre Mitspieler Sie „Chef“ nennen?

GIANNI RIVERA: Ach, ich war ja nur kurze Zeit der Mehrheitseigner. Mein einziges Ziel war es, weiter für diesen Klub zu spielen. Als das geschafft war, habe ich mir die Sache wieder vom Hals geschafft.

11FREUNDE: Ähneln Fußball und Politik einander?

GIANNI RIVERA: In beiden Feldern kann man es mit wenig Talent weit bringen.

11FREUNDE: Fußball wird als soziales Allheilmittel dargestellt, er soll integrieren, Zeichen setzen. Überfordern wir diesen Sport damit?

GIANNI RIVERA: In erster Linie müssen wir den Fußball vor uns selbst schützen. In uns steckt ein gewalttätiger Kern, der hervorbrechen will. Schon früher bei uns zu Hause in Alessandria standen Jungs auf dem Platz, die den Fußball nur als Vorwand für eine Schlägerei missbrauchten. Wir, die wir den Fußball lieben, müssen diese Aggressivität bändigen. Und als hätten wir damit nicht schon genug zu tun, wird er aus verschiedenen Richtungen bedroht, vor allem durch die Kommerzialisierung.

11FREUNDE: Sehnen Sie sich manchmal auf den Bolzplatz nach Alessandria zurück – in eine Zeit, als das Spiel noch einfach war?

GIANNI RIVERA: Ich denke gern zurück, aber was will man machen? Dass der Fußball zum wirtschaftlichen Gut wird, ist eine unaufhaltsame Entwicklung. Früher haben wir Spieler die Verträge noch selbst mit dem Präsidenten ausgehandelt und per Handschlag besiegelt. Heute hat sich eine Hundertschaft von Agenten dazwischen gedrängt … aber lassen Sie uns aufhören, davon zu reden. Sonst werde ich noch ganz sentimental.

Das Gespräch führte Dirk Gieselmann.

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