Interview : Mesut Özil: "Mein Ballgefühl ist türkisch"

Mesut Özil, Spielmacher der Nationalelf, spricht im Interview über seine Wurzeln, Jugendfußball im Affenkäfig und das Denken beim Spielen.

WM-Qualifikation - Russland - Deutschland
Mesut Özil tanzt mit Ball und Gegner (hier der Russe Denissow im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel in Moskau).Foto: dpa

Herr Özil, wo haben Sie vorigen Sommer das EM-Halbfinale zwischen Deutschland und der Türkei erlebt?

Da, wo ich aufgewachsen bin, in Gelsenkirchen. Ich habe das Spiel zusammen mit meinen Freunden gesehen.

Und welches Trikot hatten Sie an?

Gar keins. Ich war erst einmal glücklich, dass beide Nationen so weit gekommen waren. Aber ich habe den Deutschen die Daumen gedrückt. So ist halt der Fußball, es kann nur einen Gewinner geben.

Mussten Sie sich heimlich freuen?

Ach nein. Viele meiner Freunde waren natürlich für die Türkei. Aber als Deutschland gewonnen hatte und die Fans später auf der Straße aus ihren Autos stiegen und feierten, da haben wir alle mitgemacht.

Und wie ist es heute? Halten nach dem WM-Aus der Türkei deren Fans jetzt Deutschland die Daumen, weil Sie dabei sind?

Das wünsche ich mir. Ich bin ein wenig traurig, dass die Türken nicht dabei sein werden. Andererseits freue ich mich als deutscher Nationalspieler, dass wir zur WM nach Südafrika fahren. Ich hoffe, dass sich die türkischen Fußballfans auch für mich freuen können, dass sie ein bisschen Stolz empfinden können.

Sie haben den türkischen Pass abgegeben und sich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden. Wie schwer ist Ihnen das gefallen?

Ich habe mich nicht gegen die Türkei entschieden, sondern für Deutschland. Hier bin ich geboren, hier fühle ich mich wohl. Ich wurde von der Nationalmannschaft super aufgenommen – es passt alles zu mir. Ich würde mich freuen, wenn die Türken das so sehen und akzeptieren könnten. Das würde mich glücklich machen.

Ihr Weg zur Popularität ist ein kurzer. Im September debütierten Sie als Spielmacher in der Nationalelf. Inzwischen sind Sie nicht mehr wegzudenken. Wie nehmen Sie das wahr?

Gegen Südafrika spielte ich das erste Mal von Beginn an. Der Bundestrainer und viele Spieler sind auf mich zugekommen; sie sagten: Spiel, wie du willst! Das hat mir geholfen. Ich hatte keinen Druck. Denn wenn ich auf dem Platz bin, will ich der Mannschaft so gut es geht helfen. Das war mein Ziel und ich denke, dass ich das bis hierhin gut gemacht habe.

Haben Sie den Hype in der Öffentlichkeit denn gar nicht mitbekommen?

Nein, denn ich bin immer noch der alte Mesut. So wurde ich erzogen, und das wird auch immer so bleiben. Ich weiß, wer ich bin. Und wenn ich auf dem Platz stehe, bin ich einfach glücklich.

Wenn Ihre Entwicklung so weitergeht, wird der Moment kommen, dass Sie nicht mehr unerkannt über die Straße gehen können. Ist das erstrebenswert für Sie?

Noch macht es Spaß, wenn die Leute auf der Straße auf mich zukommen. Sie gratulieren mir zum Spiel oder bitten um ein Autogramm. Das empfinde ich als Ehre, ich mache das gerne.

Viele in diesem Land hielten die Position des Spielmachers für ausgestorben. Sie sind der lebendige Gegenbeweis.

Ich habe nie gesagt, dass es keine Spielmacher mehr gibt.

Beschreiben Sie mal Ihre Spielweise.

Meine Lieblingsposition ist genau diese Position, die des Spielmachers. Die habe ich schon in der Jugend eingenommen. Da fühle ich mich wohl. Wenn ich den Ball habe, will ich unbedingt etwas für die Offensive machen.

Lassen Sie sich dabei mehr von Ihrem Kopf oder Ihrem Gefühl leiten?

Mein Spiel entspringt einer Mischung aus beidem. Natürlich darf ich auf dem Platz das Denken nicht vergessen. Wenn der Ball kommt, muss ich wissen, was ich machen muss. Das Gefühl benutze ich, wenn ich den Gegenspieler nicht sehe, irgendwie muss ich ja reagieren.

Man hat oft das Gefühl, dass Sie sich spät entscheiden, dass Sie auch immer noch etwas anderes im Kopf haben und so den Gegner überraschen.

Wenn man sich entschieden hat, doch plötzlich kreuzt ein Gegenspieler den ausgedachten Weg des Balles, muss man sofort eine neue Lösung parat haben. Ich glaube, dass ich diese Gabe schon habe.

Worauf also kommt es auf dieser Position an: auf gedankliche Schnelligkeit oder geschickte Füße?

Beides. Man muss schon mit dem Ball umgehen können, um die Gedanken umsetzen zu können. Aber natürlich helfen mir meine Mitspieler dabei, indem sie mir Laufwege anbieten.

Was an Ihrer Spielweise ist türkisch und was deutsch?

Türkisch ist vielleicht das Technische, das Ballgefühl. Und deutsch ist mit Sicherheit die Disziplin, die Einstellung, das Immer-Gas-Geben.

Haben Sie das im Affenkäfig gelernt, wie Sie Ihren Bolzplatz der Jugend nannten?

Ja, ich habe damals öfter gegen sehr viel Ältere gespielt, Freunde meines Bruders. Da ging es um Tricks, um Durchsetzungsvermögen. Das hat mich weitergebracht.

Worin unterscheidet sich das Spiel im Affenkäfig von dem mit der Nationalelf?

Im Affenkäfig ging es nur fünf gegen fünf, meistens jünger gegen älter. Und wir haben jedes Mal um etwas gespielt: Der Verlierer musste das Essen ausgeben. Das hat mich sehr motiviert.

Was motiviert Sie heute?

Ich habe unheimlich viel Spaß auf dem Platz an dem, was ich tue. Ich bin immer hungrig gewesen auf Erfolg.

Dann träumen Sie schon von der WM?

Natürlich, das war mein großes Ziel. Das nächste ist jetzt der Titel. Aber bis dahin muss ich gesund durch die Saison kommen und konstant Leistung bringen, denn jeder will doch spielen bei einer WM. Und wir haben viele gute Spieler im Kader. Auch Trochowski oder Podolski können diese hängende Position spielen.

Das Uefa-Cup-Finale im Mai lief an Ihnen vorbei. Danach aber gewannen Sie den DFB-Pokal und überzeugen jetzt sogar in der Nationalelf. Sie scheinen immer besser mit Drucksituationen klarzukommen.

Auf dem Platz empfinde ich keinen Druck. Noch nie. In Istanbul hatte ich keinen guten Tag, leider. Aber ich bin inzwischen etwas reifer, selbstständiger und robuster geworden. Ich konzentriere mich auf mich und meine Leistung.

Wie schaffen Sie das bei all dem Trubel um Sie herum? Schließlich hat der Bundestrainer Ihretwegen das System verändert.

Daran will ich gar nicht denken. Außerhalb des Platzes hilft mir meine Familie. Aber es gibt auch einige Spieler, speziell die Bremer, die mir helfen. Ich will mich weiterentwickeln, das muss ich. Es gibt auch Beispiele, wo es leider nicht geklappt hat. Ich denke an Sebastian Deisler, dem ich damals als kleiner Junge vor dem Fernseher begeistert zugesehen habe. Ich habe es bedauert, dass er aufgehört hat. Ich hoffe, dass ich gesund bleibe, ich könnte ohne Fußball nicht.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die deutsche Hymne hören?

Ich bete. Zuerst in der Kabine, dann während der Hymne und dann noch einmal, direkt bevor das Spiel losgeht.

Machen Sie das erst als Nationalspieler?

Nein, das tue ich seit der Jugend schon, natürlich ohne Hymne. Ich spreche Verse aus dem Koran in mich hinein. Das gibt mir Kraft und erleichtert mich. Wenn ich das nicht machen würde, dann hätte ich ein schlechtes Gefühl.

– Das Gespräch führte Michael Rosentritt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar